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Statement of the Month: “Warum Wikileaks und Amazon Cloud Computing einen Bärendienst erwiesen haben”

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten

Dr. Joseph Reger, Chief Technology Officer bei Fujitsu Technology Solutions

Nach­rich­ten­ma­ga­zi­ne, Tages­schau und Talk­shows – sie alle ken­nen im Moment nur ein The­ma: Die Affä­re um Wiki­leaks und wie Grün­der Juli­an Assan­ge qua­si über Nacht zum Staats­feind Num­mer 1 avan­ciert ist.  Das ist erstaun­lich. Ist doch die Welt aktu­ell auch sonst nicht gera­de nach­rich­ten­arm. Viel erstaun­li­cher aber ist die Reak­ti­on der Poli­tik und der Welt­öf­fent­lich­keit: Die USA suchen ver­zwei­felt nach einem Grund, Assan­ge vor Gericht zu brin­gen. Ama­zon ver­jagt Wiki­leaks von sei­nen Ser­vern. Visa und Mas­ter­card ver­sper­ren der Platt­form die Finanz­ka­nä­le. Und in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on gilt Assan­ge bereits jetzt als Krimineller.

Ist Assan­ge wirk­lich kri­mi­nell? Mag schon sein.  Nie­mand wäre jedoch auf die Idee gekom­men, die bei­den Jour­na­lis­ten in der Water­ga­te-Affä­re sei­ner­zeit als Kri­mi­nel­le anzu­kla­gen – und das, obwohl sich ihre Recher­chen eben­falls auf Infor­ma­tio­nen aus einem Behör­den­leck stütz­ten und immer­hin einen US-Prä­si­den­ten den Kopf kos­te­ten. Statt­des­sen wur­de das Hohe­lied des inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus gesun­gen. Heu­te scheint sich der Bewer­tungs­maß­stab geän­dert zu haben. Nun gut: Assan­ge ist kein Jour­na­list. Er ver­öf­fent­licht Doku­men­te, ohne sie zu hin­ter­fra­gen, ein­zu­ord­nen, zu bewer­ten. Das mag man kri­ti­sie­ren. Eben­so die Tat­sa­che, dass er sich – ange­sichts des bri­san­ten Inhalts der Doku­men­te – ganz unzwei­fel­haft ver­ant­wor­tungs­los ver­hält. Den­noch: Ist Assan­ge wirk­lich kri­mi­nell? Er hat nur eine Wahr­heit ver­öf­fent­licht, die ande­re geschaf­fen haben.

Ich mei­ne, der Hund liegt woan­ders begra­ben. Die reflex­ar­ti­ge Droh­ge­bär­de der USA und nicht zuletzt der Polit-Druck auf den Online-Gigan­ten Ama­zon sind eher eine Über­sprungs­hand­lung, der letzt­lich etwas ganz ande­res zugrun­de liegt: eine gewis­se Hilf­lo­sig­keit näm­lich, und ein unbe­stimm­tes Unbe­ha­gen, mit dem Inter­net kön­ne uns eine Tech­no­lo­gie erwach­sen sein, der wir nicht gewach­sen sind. Nicht zuletzt, weil wir wis­sen, dass Krie­ge im Infor­ma­ti­ons­zeit­al­ter mit Infor­ma­tio­nen geführt wer­den, nicht mit Pan­zern. Auf­lö­sen lässt sich die­se Janus-Köp­fig­keit des Inter­nets nicht: Alle bahn­bre­chen­den Tech­no­lo­gien, die der Mensch her­vor­ge­bracht hat, las­sen sich zum Guten wie zum Schlech­ten ein­set­zen. Und bei­de Optio­nen hat der Mensch –  jedes Mal – genutzt.  Das eigent­lich Fata­le war in der Regel, dass die Tech­no­lo­gie sich schnel­ler ent­wi­ckelt hat als das ethi­sche Ver­ständ­nis vom Umgang mit  ihr, als ein Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein in der Gesell­schaft und – natür­lich – als die Gesetz­ge­bung.  Und so bleibt uns nur, dafür zu sor­gen, dass der Pro­zess sich dies­mal umkehrt: dass Ethik und Recht schnel­ler am Zuge sind als die dunk­le Seite.

Doch gera­de die Reak­ti­on von Ama­zon birgt auch für die Ent­wick­lung des IT-Mark­tes ein gro­ßes Risi­ko. Der Pro­vi­der hat die Cloud-Diens­te für Wiki­leaks – also die Ser­ver­leis­tung, die er der Ent­hül­lungs­platt­form via Inter­net zur Ver­fü­gung stell­te –  ganz ein­fach gekappt.  Die Begrün­dung: Wiki­leaks habe gegen die Geschäfts­be­din­gun­gen ver­sto­ßen. Schlech­te Nach­rich­ten für das neue IT-Para­dig­ma Cloud Com­pu­ting. Wenn ein Pro­vi­der sei­nen Dienst so ohne wei­te­res ein­stel­len kann, allein auf Basis des Vor­wurfs eines Ver­trags­ver­sto­ßes, dann redet er genau jenen  Zweif­lern das Wort, die Sicher­heit und Ver­füg­bar­keit von Cloud Ser­vices in Fra­ge stellen. 

Mag Ama­zon sei­ne Anschul­di­gung auch bewei­sen kön­nen – und mit ein biss­chen juris­ti­scher Spitz­fin­dig­keit ist das sicher mög­lich –  so bleibt doch ein scha­ler Nach­ge­schmack. Wohin soll das füh­ren? Sol­len Pro­vi­der von Cloud Ser­vices künf­tig fort­wäh­rend über­prü­fen, ob einer ihrer Kun­den auf ihren Ser­vern einer miss­lie­bi­gen Tätig­keit nach­geht – und immer wie­der auf‘s Neue ent­schei­den, ob sie gewillt sind, den Ser­vice fort­zu­set­zen? Man muss kein Anhän­ger von Wiki­leaks sein, um dies bedenk­lich zu fin­den.  Und auch der eine oder ande­re poten­zi­el­le Kun­de für Cloud Com­pu­ting-Diens­te wird, so fürch­te ich, an die­ser Stel­le auf­ge­horcht haben – und sich genau über­le­gen, ob er sich erlau­ben kann, sei­ne IT in solch ein Abhän­gig­keits­ver­hält­nis zu ver­la­gern. Cloud Com­pu­ting wird einen Image­scha­den davon­tra­gen. Für die IT ist das die eigent­li­che Tragik.

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  • Peter Reddig
    14. Dezember 2010

    Tja wohl war. aber nicht nur diese Bewegung sorgt für Antrieb zur Veränderung. Es isnd die Großen,die ja wollen und Ihr Können so innovativ darstellen.Alles mit der Grundlage einer guten Bildung und dem Lebensraum dazu.Schaffen kann man zusammen vieles,umsetzen vielleicht unmögliches,aber nicht nur in der wörtlichen Praxis ,sondern nahezu überall.Aber zur für gute Öffentlichkeitsarbeit bedarf es Fingerspitengefühl,Ausdrucksweise und Einfühlungsvermögen.Aber die Grundlage dafür ist eine Akzeptanz einer Toleranz.Es gibt viele Normen und schöne Formen aus diesem Land.Es wäre untröstlich wenn es bald sein Ende fand.Ich glaube es nicht.Alles eine Frage der Bewegung und die hat im Süden irgendwo den Knotenpunkt.Seht zu das ihr da den Weg frei macht.Für unser aller,auch den Nachbarn.Es grüßt Euer Sc hulden berg.

  • Peter Reddig
    14. Dezember 2010

    ich möchte kein eisbär sein und wer das aus machtbeweiß mir gegenüber tut,erntet meine ...tollwut - niemals einen stier herausfordern .. das ist jetzt nicht an der richtigen stelle hier sondern geht an andere - alle eine frage der VB

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