Von Prof. Dr. Peter Buxmann, TU Darmstadt. 

Chris Andersons fragt in seinem Buch „Makers”, was passiert, wenn sich die Web-Generation der realen Welt zuwendet und man könnte ihm flugs antworten: Überfüllte Partys, Flashmobs, Massenaufläufe. Anderson geht es aber nicht um soziale Phänomene, sondern um ganz konkrete Dinge, insbesondere um Erfindungen mit ökonomischem Potenzial.

Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt, dass jeder Normalo heute Musikproduzent, Filmemacher, App-Entwickler oder wenigstens bloggend ein bedeutender Influencer werden kann. Dem technischen Fortschritt sei Dank! Nach Anderson werden wir uns nun daran gewöhnen müssen, dass Privatpersonen bald auch Gegenstände produzieren und weltweit vertreiben können. Die notwendige Software in Form von CAD-Anwendungen ist seit den 1980er-Jahren für Personal Computer erhältlich. Das revolutionäre Potenzial entsteht nun durch die Kombination mit Technologien, mithilfe derer sich die digitalen Entwürfe fabrizieren lassen – daher auch der Begriff „Digital Fabrication“. Dazu gehören unter anderem 3D-Drucker, Laserschneiden und CNC-Drehmaschinen.

Twitternde Blumentöpfe – und was Makers sonst noch so basteln

Die Wissenschaftler, Bastler und Erfinder, die sich den Technologien der „Digital Fabrication“ verschrieben haben, nennen sich „Makers“. Diese jungen, kreativen Menschen treffen sich in so genannten „Makerspaces“ oder „FabLabs“ und erschaffen dort u.a. Spielzeug, Schmuck, Mode, elektronische Bauteile aus verschiedenen Materialien wie Plastik, Metall oder Wachs. Nebenbei experimentieren sie mit einfachen Miniatur-Computern (ein Klassiker ist der „Arduino“ micro-controller) und bauen so kuriose Dinge wie Pflanzentöpfe, die ihren Besitzer per Twitter-Nachricht darüber informieren, dass sie jetzt bewässert werden sollten.

Open Source in 3D

Die Makers-Bewegung steht für eine Kultur, die aus der digitalen Welt bekannt ist. Ähnlich wie bei Open-Source-Projekten werden digitale Entwürfe online gestellt, um die Idee mit anderen zu teilen und weiterzuentwickeln. Voraussetzung ist natürlich, dass die Urheber ihr Werk unter eine Creative-Common- oder Open-Source-Lizenz gestellt haben, die diese Weiterentwicklung erlaubt. Im Online-Archiv Thingiverse sind jede Menge kostenloser 3-D-Entwürfe zu finden. „Think it. Make it. Share it.“, lautet der Slogan des FabLabs im südaustralischen Adelaide. So werden Intelligenz, Kompetenz und Kreativität von Vielen mühelos in die Entwicklung von Projekten einbezogen – ein hervorragender Nährboden für Innovationen.

Vom Prototypen zur Serienreife

Die Digital Fabrication eröffnet den Makers die Möglichkeit, relativ einfach, schnell und günstig Prototypen und Produkte herzustellen. Es ist dann nur noch ein kleiner Schritt und der Maker wird zum User-Entrepreneur: Er gründet ein eigenes Unternehmen oder bringt sein Produkt erst einmal über eine Plattform auf den Markt. Neben neuen Beschaffungsmärkten für die Maker, auf denen sie Technologien (z.B. 3D-Drucker), Dienstleistungen (z.B. 3D-Druck), Produktionsstandorte (z.B. FabLab) oder Finanzierungshilfen (z.B. Venture Capital oder Crowdfunding) beziehen, haben sich auch neue Absatzmärkte gebildet. Die bekanntesten Plattformen sind zurzeit wohl das amerikanische Unternehmen Etsy und das in Berlin ansässige DaWanda. Über beide Plattformen werden Kunst, Handwerk und Handarbeit vertrieben. Die Wachstumsraten sind beachtlich.

Weiterhin etablieren sich Dienstleister, die physische Güter auf Basis digitaler Entwürfe in nahezu beliebiger Produktionsmenge produzieren. Wenn ein Maker seinen CAD-Entwurf (Richardson und Haylock 2012) nicht mit seinem eigenen 3D-Drucker ausdrucken möchte, kann er einen externen Dienstleister beauftragen, diesen mit hochwertigen Materialien (bspw. Glas, Keramik, Edelstahl oder Silber) in besserer Qualität oder in großen Stückzahlen zu produzieren. Andere Dienstleister bieten reine Mehrwerte an: So unterstützt Ponoko unerfahrene Maker dabei, ihre CAD-Entwürfe so zu bearbeiten, dass sie kompatibel zu Werkzeugmaschinen sind (Anderson 2012). Andere wiederum unterstützen bei der Beschaffung von Kapital, häufig auf der Basis von Crowdfunding.

Standards ermöglichen Durchbruch

Noch sind die Technologien der Digital Fabrication relativ teuer und langsam. Der technische Fortschritt verspricht jedoch, dass beide Hemmnisse in naher Zukunft schwinden werden. Die zukünftigen Herausforderungen werden vor allem darin bestehen, 3D-Entwürfe mit den existierenden Softwarelösungen so zu entwickeln, dass diese von Drittanbietern problemlos gedruckt bzw. gefertigt werden können. Um externe Dienstleister in Anspruch nehmen zu können und bei der Entwicklung von physischen Produkten kooperieren zu können, müssen verlässliche Standards (wie z.B. STEP) etabliert werden.

Anderson prophezeit, dass die Akteure der Makers-Bewegung mithilfe der digitalen Fabrication Technologies die kommende industrielle Revolution anführen werden. Es entstehen öffentliche Räume, in denen kreative Erfinder zusammenkommen, um eigene Produkte und Prototypen zu entwerfen und zu fertigen. Diese umtriebigen Menschen vernetzen sich, teilen ihre Ideen und stellen ihre Projekte ins Web. Zugleich hat das Web die Weltmärkte zusammenschrumpfen lassen: Jeder kann Nischen- und Spezialprodukte anbieten und mit ein wenig Geschick auch weltweit vertreiben (siehe dazu auch das Long-Tail-Phänomen). Findige User Entrepreneurs könnten etablierte Produktionsprozesse aushebeln und die Wertschöpfungstiefen erheblich reduzieren. Das würde die Entstehung und das Wachstum von kleineren Unternehmen begünstigen.

Daraus ergeben sich wiederum Möglichkeiten für große Unternehmen, von der Dynamik der Kleinen zu profitieren. Unter dem Schlagwort „Open Innovation“ wird seit Längerem diskutiert, wie man Kunden in Innovationsprozesse einbinden kann. Makers mit speziellen Kompetenzen könnten als Freelancer bei der Entwicklung spezieller Komponenten mitwirken. In der digitalen Welt wurde dieser Schritt von Softwarefirmen bereits gemacht: Sie beziehen Entwickler aus der Open-Source-Community in ihre Projekte ein.

Wie die USA die „dritte industrielle Revolution“ vorantreiben

Wie so häufig geht die USA nicht nur bei der Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien in Führung. Die Regierung Obamas will innerhalb der kommenden vier Jahre in 1000 US-amerikanischen Schulen – unter Beteiligung von Unternehmen wie Google – Makerspaces einrichten (Schulman 2013). Nach amerikanischem Vorbild entstehen derzeit weltweit FabLabs und Makerspaces in der Nähe von Universitäten und Hochschulen. Der Werkunterricht wird digital. Und wer gut aufpasst, kann nach dem Abi direkt teilnehmen: an der dritten industriellen Revolution.

Literatur

Anderson C (2012) Makers: The new industrial revolution. Crown Business, New York
Buxmann, P; Hinz, O. (2013) Makers, in Wirtschaftsinformatik 2013
Etsy (2012) Etsy: monthy online revenue of goods sold 2008-2013. http://www.statista.com/statistics/151149/online-revenue-of-etsy-inc/.  Accessed 2013-04-03
Schulman K (2013) White House Hangout: the Maker movement. www.whitehouse.gov/blog/2013/03/27/white-house-hangout-maker-movement. Accessed 2013-04-30

Zum Weiterlesen:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (2013) Interview mit Neil Gershenfeld – 3D-Drucker sind erst der Anfang. http://m.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten/interview-mit-neil-gershenfeld-3d-drucker-sind-erst-der-anfang-12098849.html. Accessed 2013-03-06
Focus (2013) Baby oder Mondstation ausdrucken – So prägen 3D-Drucker die Welt von morgen. http://www.focus.de/wissen/technik/tid-29759/baby-oder-mondstation-ausdrucken-so-praegen-3d-drucker-die-welt-von-morgen_aid_928417.html. Accessed 2013-03-06
Zeit (2013) Jetzt geht’s erst richtig los. Chris Andersons Buch „Makers“ ruft die nächste Revolution aus: Was man braucht, macht man selbst. http://www.zeit.de/2013/07/Chris-Anderson-Makers. Accessed 2013-04-30



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