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9 Fragen an Thomas Müller

Thomas Müller
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Tho­mas Mül­ler ist seit Mai 2021 Head of Public Sec­tor Cen­tral Euro­pe bei Fuji­tsu und damit Strei­ter und Mit­den­ker für die Digi­ta­li­sie­rung der öffent­li­chen Ver­wal­tung, der Moder­ni­sie­rung von Schu­len, der Ver­net­zung von smar­ten Cities und der effek­ti­ven Bekämp­fung von Cyber-Kri­mi­na­li­tät durch eine moder­ne Poli­zei­ar­beit. Wir haben Tho­mas Mül­ler gefragt, vor wel­chen Her­aus­for­de­run­gen der Public Bereich sei­ner Mei­nung nach steht, was Deutsch­lands Ver­wal­tung braucht, um im digi­ta­len Wan­del einen ent­schei­den­den Schritt nach vor­ne zu machen und wie die Umset­zung des OZG gelin­gen kann.

Lieber Thomas, du bist neuer Head of Public Sector und hast per se viel mit Ämtern und Behörden zu tun. Was war denn dein letzter Amts- oder Behördengang?

Mein letz­ter Berüh­rungs­punkt war die Anmel­dung für einen Anhän­ger. Lässt man die Zeit fürs Pla­nen und die Ter­min­fin­dung außen vor, ist der übli­che Gang der Kreis­ver­wal­tung sehr geord­net abge­lau­fen. Lei­der jedoch auch sehr analog.

Analog – ein gutes Stichwort. Laut deines letzten Social Media Posts in Verbindung mit der zurückliegenden Bundestagswahl, setzt du große Hoffnung in das Thema Digitalisierung. Was ist dein Wunsch?

Das ist natür­lich ein Rie­sen­the­ma und die Grund­la­ge für das Han­deln in unse­rem Geschäfts­be­reich mit öffent­li­chen Auftraggeber*innen. Was mich gefreut hat, ist, dass alle gro­ßen, nam­haf­ten Par­tei­en die Digi­ta­li­sie­rung in ihrem Wahl­pro­gramm ver­an­kert haben. Ich habe die gro­ße Hoff­nung, dass der Schub, den wir durch Coro­na erfah­ren haben, nicht gebremst wird. Dass wir die bestehen­den gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen mit­tels Tech­no­lo­gien als einen Lösungs­bau­stein ver­bes­sern kön­nen. Zudem wird es viel­leicht ein Quer­schnitts­mi­nis­te­ri­um für Digi­ta­li­sie­rung geben. Dies wür­de ich als ein star­kes Zei­chen deu­ten, dass das The­ma neu gedacht wird.

Die mögliche neue Bundesregierung hat Digitalisierung als „Zukunftsthema” für sich entdeckt. Wie kommt jetzt endlich mehr Drive rein? Aus deiner Perspektive – was muss dafür passieren?

Wir leben in einem föde­ra­len Staat mit ver­schie­de­nen Beschaf­fen­hei­ten in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern. Sie unter­schei­den sich natür­lich sehr, wie zum Bei­spiel durch poli­ti­sche Zie­le und ver­füg­ba­re Res­sour­cen, aber gera­de bei den Her­aus­for­de­run­gen gibt es vie­le Par­al­le­len, wie zum Bei­spiel bei der zukünf­ti­gen demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung. Wir schaf­fen mit Tech­no­lo­gien „work­arounds” und spre­chen dann auch über Brü­cken­tech­no­lo­gien, aber Ziel soll­te es sein, ein­fa­che­re Grund­pfei­ler zu ent­wi­ckeln und Sys­te­me ein­fa­cher und auch neu zu den­ken und ent­wi­ckeln. Kon­kret mei­ne ich damit Regu­la­ri­en oder auch Geset­ze.

Die Brü­cken­tech­no­lo­gien soll­ten also nur eine Wei­le den Zweck der Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on ver­fol­gen müs­sen, damit wir die Zeit nut­zen, um die eigent­li­chen Ursa­chen die­ser Kom­ple­xi­tät anzu­ge­hen. Das alles bedeu­tet auch, dass man viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten muss, sowohl bei den Behör­den, den Beamt*innen und Mitarbeiter*innen, aber auch bei den Bürger*innen. Denn ohne die Mit­wir­kung aller Betei­lig­ten wird es kei­ne mas­si­ve Ver­än­de­rung geben.

Prozesse sollen also nicht nur digital nachgebaut, sondern komplett neu gedacht werden?

Abso­lut. Wir müs­sen über­le­gen: Sind die alten Pro­zes­se noch die rich­ti­gen? Und damit einen Schritt vor dem digi­ta­len Über­set­zen anfan­gen. Neben der Erwar­tungs­hal­tung der Bürger*innen, dass ein Behör­den­gang genau­so ein­fach wie Online Shop­ping sein soll­te, ist die größ­te Her­aus­for­de­rung auf Kun­den­sei­te der demo­gra­fi­sche Wan­del. Wir wer­den in den nächs­ten acht bis zehn Jah­ren einen Fach­kräf­te­schwund von 35 bis 45 % erle­ben. Das ist ein enor­mer Know-how-Ver­lust und wir müs­sen die Kom­ple­xi­tät der Pro­zes­se redu­zie­ren, um dem immensen Arbeits­auf­kom­men über­haupt Herr zu wer­den. Behör­den wer­den sich zuneh­mend auf ihre Kern­auf­ga­ben fokus­sie­ren müs­sen und die Wei­chen dafür müs­sen auch kurz- bis mit­tel­fris­tig gestellt wer­den. Wenn wir den Sta­tus quo wei­ter akzep­tie­ren, wird die­se gro­ße Her­aus­for­de­rung nie­mand meis­tern kön­nen. Anders gesagt: Revo­lu­ti­on und Inno­va­ti­on gehen Hand in Hand. 

Beim demografischen Wandel spielt auch das Onlinezugangsgesetz (OZG) eine große Rolle. Kurz erklärt, was ist das OZG?

Das OZG ist ein Gesetz, wel­ches das Ziel ver­folgt, die ana­lo­gen Bür­ger­leis­tun­gen ins digi­ta­le Zeit­al­ter zu heben. Zum Bei­spiel: Wie schaf­fe ich es in Zukunft, mei­nen Anhän­ger online anzu­mel­den, ohne Behördengang?

Ins­ge­samt sind es um die 575 Fach­an­wen­dun­gen, die digi­ta­li­siert wer­den. Dafür bil­den sich Arbeits­krei­se und unter­schied­li­che Orga­ni­sa­tio­nen, die sich um Kern­an­wen­dun­gen und die Bereit­stel­lung der Online­diens­te küm­mern. Alle arbei­ten Hand in Hand, um das Vor­ha­ben bis Ende 2022 erfolg­reich umzu­set­zen. Die Umset­zung ist eine gro­ße Kraft­an­stren­gung für die gesam­te Ver­wal­tungs­land­schaft, kann jedoch zugleich viel Poten­ti­al frei­le­gen und damit ins­be­son­de­re Bürger*innen sowie Unter­neh­men zugu­te­kom­men. Wir wol­len hel­fen, die­se Poten­tia­le zu heben.

Das OZG wird aller­dings nur funk­tio­nie­ren, wenn wir die bis­he­ri­gen Pro­zes­se hin­ter jeder Fach­an­wen­dung gemein­sam trans­pa­rent ana­ly­sie­ren und sie Ende zu Ende den­ken. Es muss nicht alles neu erfun­den wer­den, son­dern man kann und soll­te auf bereits bestehen­de Lösun­gen auf­set­zen, aber auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Por­ta­le sowie die Infor­ma­ti­ons­flüs­se medi­en­bruch­frei sicher­stel­len. Auch hier gilt wie­der: es schafft kei­ner allein und so gilt das Once­on­ly Prin­zip. Es gibt einen Ver­ant­wort­li­chen und ande­re kön­nen pro­fi­tie­ren. Wenn man auf vor­han­de­ne Sys­te­me auf­baut, kann auch die Ein­be­zie­hung von Brü­cken­tech­no­lo­gien wie der Künst­li­chen Intel­li­genz und der Pro­zess­au­to­ma­ti­sie­rung ein erheb­li­cher Mehr­wert sein, wie zum Bei­spiel durch die Ein­bin­dung unse­rer vir­tu­el­len Kolleg*innen, wie wir unse­re Auto­ma­ti­sie­rungs­ro­bo­ter lie­be­voll nen­nen. Das alles kann bereits auch kurz­fris­tig eine Teil­ant­wort auf die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung sein.

Als Fujitsu helft ihr Organisationen bei der Umsetzung des OZG. Wie geht ihr vor? Kannst du uns ein Beispiel nennen?

Unser Ansatz ist es, Pro­zes­se sowie die Spra­che der Kund*innen zu ver­ste­hen und von Ende zu Ende zu den­ken. Von den Bürger*innen, die in die Behör­de gehen, bis hin zur Bedeu­tung auf Platt­form­ebe­ne und dem kom­plet­ten Pro­jekt­fluss dazwi­schen. Wir fra­gen uns: Was kön­nen wir am Pro­zess ver­bes­sern? Wel­che Bera­tungs­leis­tung, wel­ches Know-how und wel­che Exper­ti­se kön­nen wir zur Ver­fü­gung stellen?

Um ein kon­kre­tes Bei­spie­le zu nen­nen: Einer unse­rer Kund*innen stand vor der Her­aus­for­de­rung, dass er sei­ne Ser­vices 24/7 anbie­ten woll­te, um auch den ver­än­der­ten Erwar­tun­gen der Bürger*innen zu ent­spre­chen. Um dies zu errei­chen, konn­ten wir in einem gemein­sa­men Co-design Work­shop her­aus­fin­den, dass eine Har­mo­ni­sie­rung der Sup­port- und Back­of­fice-Pro­zes­se not­wen­dig sein wür­de. In dem Work­shop ent­wi­ckel­ten wir zusam­men Lösungs­sze­na­ri­en, um die­se Anpas­sun­gen aus­zu­ar­bei­ten. Nach­dem wir die für die Bürger*innen nicht sicht­ba­ren Pro­zes­se im Hin­ter­grund auto­ma­ti­siert hat­ten, konn­ten wir einen Chat­bot für den Kun­den ent­wi­ckeln und dadurch die 24/7 Erreich­bar­keit sicherstellen.

Das Bei­spiel zeigt ganz deut­lich, dass wir immer den End­nut­zer, die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger aber auch die Ver­wal­tung und Unter­neh­men, im Blick behal­ten müssen.

Es kam eben erst der eGovernment Monitor der Initiative D21 heraus und die Fortschritte in der Digitalisierung der Verwaltung stagnieren. Thomas, warum tut sich Deutschland so schwer?

Ich glau­be, grund­sätz­lich wer­den Bürger*innen, aber auch die Unter­neh­men nicht rich­tig abge­holt. Vie­les ist nicht selbst­er­klä­rend und zu kom­pli­ziert gedacht. Wir müs­sen aber davon aus­ge­hen, dass die Nutzer*innen nicht die Vor­kennt­nis­se oder schlicht die Zeit haben. Es muss selbst­er­klä­rend, zweck­mä­ßig und viel­leicht nicht immer gleich das Big Pic­tu­re sein. Oft wol­len wir in Deutsch­land das „gro­ße Gan­ze” sofort per­fekt umset­zen, über­for­dern damit aber vie­le. Ein Ergeb­nis der Stu­die belegt zum Bei­spiel, dass es auch ein­fach an der Bekannt­heit der bereits bestehen­den Ange­bo­te man­gelt. Es bedarf Zeit, aber auch einer kla­ren Kommunikation.

Was denkst du, welchen Herausforderungen sich der Public Bereich mittelfristig stellen muss?

Der demo­gra­fi­sche Wan­del wird in Zukunft ein zen­tra­les The­ma sein – das höre ich auch aus mei­nen Kun­den­feed­backs. Mit der immer dün­ner wer­den­den Per­so­nal­de­cke kann die Lösung nur make or buy hei­ßen. Wer allein arbei­tet, hat kei­ne Chan­ce. Man muss Alli­an­zen bil­den. Auch für die Behör­den wer­den Koope­ra­tio­nen unab­ding­bar. Natür­lich wür­den wir uns auch auf Ver­wal­tungs­ebe­ne wün­schen, dass es in Zukunft enge­re Ver­zah­nun­gen gibt, die uns in den Ergeb­nis­sen sehr viel effi­zi­en­ter machen.

Bei­spiels­wei­se funk­tio­niert die digi­ta­le poli­zei­li­che Zusam­men­ar­beit über Gren­zen hin­weg nur mit bes­se­rer Kol­la­bo­ra­ti­on, mehr Trans­pa­renz und auch der Über­win­dung von tech­no­lo­gi­schen Brü­chen, also auch daten­bank­über­grei­fend. Aber genau­so im Bereich der Schul­bil­dung heißt es, Ent­wick­lun­gen wei­ter­zu­den­ken, um die Qua­li­tät der Aus­bil­dung zu ver­bes­sern. Hier wären ein­heit­li­che­re Kon­zep­te zur Stei­ge­rung der Qua­li­tät durch tech­no­lo­gi­sche Ange­bo­te zwi­schen den Län­dern sehr empfehlenswert.

Du bist quasi ein Kind von Fujitsu und seit deiner Ausbildung dabei. Was motiviert dich, diesen Weg zu gehen?

Ich bin und blei­be lei­den­schaft­lich ger­ne „Fuji­t­suia­ner”. Was mich immer moti­viert hat, sind die Men­schen. Wir sind sehr divers auf­ge­stellt und haben tol­le Men­schen an Bord, die alle für die glei­che Sache bren­nen. Das moti­viert mich, die Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, dass jede*r Ein­zel­ne erfolg­reich sein kann.

Wir pfle­gen eine sehr offe­ne Unter­neh­mens­kul­tur. Es ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und was mir sehr am Her­zen liegt: das The­ma Ent­wick­lung. Ich habe selbst immer die Chan­ce bekom­men, mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und an die­se Tra­di­ti­on möch­te ich für mein Team anknüpfen.

Lieber Thomas, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke in die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen des Public Sectors und deine Ideen, wie die digitale Transformation der Verwaltung gelingen kann.

Das The­ma OZG wird uns mit Sicher­heit wei­ter beschäf­ti­gen. An die­ser Stel­le wün­schen wir dei­nem Team und dir viel Erfolg, das OZG in der Umset­zung wei­ter vor­an­zu­brin­gen, so dass dann hof­fent­lich die nächs­te Anmel­dung dei­nes Anhän­gers rein digi­tal mög­lich ist.

Sie wol­len mit Tho­mas über die Moder­ni­sie­rung Ihrer Ver­wal­tung oder die Umset­zung einer OZG-Fach­an­wen­dung spre­chen? Dann schrei­ben Sie ihm:

E‑Mail: thomas.mueller3@fujitsu.com
Oder auf Lin­kedIn

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