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Geoinformationen als „Rohstoff der digitalen Gesellschaft” – Interview mit Johannes Schöniger

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Johannes_SchönigerWie oft am Tag sen­den Sie über Face­book Ihren Stand­ort, pla­nen einen Aus­flug mit Hil­fe von Goog­le Maps & Co oder nut­zen eine App auf Ihrem Smart­pho­ne, in der eine Kar­te ein­ge­bun­den ist, zum Bei­spiel aus­ge­such­te Loka­le in Ihrem Umfeld? Jeder von uns nutzt Geo­da­ten, jeden Tag und oft sogar unbe­wusst. Wie viel hin­ter die­ser Schlüs­sel­tech­no­lo­gie wirk­lich steckt, ver­rät uns Johan­nes Schö­ni­ger, Stra­te­gic Account Direc­tor Geo­in­for­ma­tio­nen Deutsch­land, Fuji­tsu, in einem Inter­view. Im ers­ten Teil die­ser Rei­he spre­chen wir über die beein­dru­cken­de Viel­fäl­tig­keit, die sich hin­ter dem für man­che auf den ers­ten Blick unschein­ba­ren Wort „Geo­in­for­ma­ti­on” ver­ber­gen. Johan­nes Schö­ni­ger ver­rät uns, war­um in unse­rer Gesell­schaft ohne die­se Infor­ma­tio­nen vie­les nicht mehr funk­tio­nie­ren und wie­so die­ses The­ma uns alle betrifft. Unser Kol­le­ge nimmt Sie mit auf eine Rei­se in die Welt der Geo­in­for­ma­tio­nen und in eine Zukunft, die ohne die­se Infor­ma­tio­nen ganz anders aus­se­hen würde.

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Hal­lo Herr Schö­ni­ger, vie­len Dank, dass Sie sich Zeit für die­ses Inter­view genom­men haben. Wenn Sie Ihr Fach­ge­biet kurz und bün­dig zusam­men­fas­sen: Was kön­nen und was bedeu­ten Geo­in­for­ma­tio­nen in der IT-Welt?

Geo­in­for­ma­ti­on ist der Roh­stoff der digi­ta­li­sier­ten Gesell­schaft und dar­über hin­aus der Grund­pfei­ler staat­li­cher und pri­va­ter Mei­nungs­bil­dung, des Han­delns und der Ent­schei­dun­gen. Als Quer­schnitts­the­ma betrifft es uns alle. Vie­le von uns nut­zen bewusst und unbe­wusst stän­dig digi­ta­le Geo­in­for­ma­tio­nen, ohne sie wür­de vie­les in unse­rer Gesell­schaft nicht mehr funk­tio­nie­ren. Außer­dem hal­te ich Geo­in­for­ma­tio­nen für einen über­durch­schnitt­li­chen Wachs­tums­markt und eine stra­te­gi­sche Zukunfts­bran­che mit immer mehr und neu­en Sta­ke­hol­dern, Nut­zern sowie Ein­satz­sze­na­ri­en. Geo­in­for­ma­tio­nen sind eben ein fes­ter Bestand­teil der heu­ti­gen digi­ta­li­sier­ten Gesellschaft.
Sie kön­nen kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge schnell, trans­pa­rent und ver­ständ­lich dar­le­gen und (noch) unbe­kann­te Sach­ver­hal­te offen­le­gen. Wir gewin­nen durch Geo­in­for­ma­tio­nen einen ande­ren Blick auf Ereig­nis­se und Phä­no­me­ne, die wir ohne sie nicht hät­ten. Geo­da­ten sind der Roh­stoff des 21. Jahr­hun­dert und Grund­la­ge der Informations‑, Wis­sens- und Bürgergesellschaft. 

Kön­nen Sie uns ein Bei­spiel aus den eben auf­ge­zeig­ten Nut­zungs­ze­na­ri­en geben?

Die­se erwei­tern und aktua­li­sie­ren sich stän­dig. Mobi­li­tät (zum Bei­spiel die Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, – Instand­set­zung, Pla­nung und Steue­rung), Smart City, Smart Far­ming, Ener­gie­ver­sor­gung und ‑wen­de, Demo­gra­fie und Bevöl­ke­rungs­schutz – die­se aktu­el­len The­men stel­len nur einen klei­nen Aus­zug der Nut­zungs­ze­na­ri­en dar und bezie­hen Geo­in­for­ma­tio­nen aktiv mit ein. Mit ihrer Hil­fe kön­nen wir den Bür­ger aktiv als „Daten­lie­fe­rant” in die Pla­nung mit ein­be­zie­hen. Zum Bei­spiel in Open Street Map oder als „Mel­der” in Kata­stro­phen­si­tua­tio­nen und erset­zen manch klas­si­sche Daten­er­he­bung. Ein wei­te­res mög­li­ches Sze­na­rio: Bür­ger kön­nen mit­hil­fe von Apps ört­li­che Vor­komm­nis­se direkt an die Stadt­ver­wal­tung mel­den. Wer sich bei­spiels­wei­se über ein Schlag­loch oder eine defek­te Stra­ßen­la­ter­ne ärgert, ist sofort an der rich­ti­gen Adres­se. Die Bür­ger­be­tei­li­gung steigt. 

Das sind vie­le Bei­spie­le. Fällt Ihnen zusätz­lich noch ein Bereich ein, der den wich­ti­gen Stel­len­wert von Geo­in­for­ma­tio­nen unterstreicht?

Oh ja – GPS – ich sehe das als eine der Erfolgs­ge­schich­ten in der Geo­bran­che! Wir nut­zen in ver­schie­dens­ten Trans­port­mit­teln Navi­ga­ti­ons­sys­te­me. In der Luft­fahrt erfolgt aktu­ell die Erpro­bungs­pha­se der Inte­gra­ti­on hoch­ge­nau­er Posi­ti­ons­be­stim­mun­gen gera­de im An- und Abflug­ver­fah­ren, ins­be­son­de­re bei hoch­fre­quen­tier­ten Flug­hä­fen. Es ermög­licht eine enge­re siche­re­re Füh­rung von Flug­zeu­gen, Pas­sa­gier­zah­len las­sen sich um 100 Pro­zent steigern.

Wie wür­den Sie die Ent­wick­lung im Bereich Geo­in­for­ma­tio­nen in den letz­ten Jah­ren beschreiben?

In den letz­ten 20 Jah­ren hat sich die Geo­in­for­ma­ti­on von einem Spe­zi­al­the­ma zu einem all­ge­gen­wär­ti­gen The­ma und einem bedeu­ten­den Wirt­schafts­fak­tor ent­wi­ckelt. Statt einer geschlos­se­nen Com­mu­ni­ty von GIS-Exper­ten mit lan­ger Aus­bil­dung zu einer offe­nen Com­mu­ni­ty in der kol­la­bo­ra­tiv gehan­delt wird – immer mehr Betei­lig­te mit Schwer­punk­ten außer­halb der eigent­li­chen GIS-Fach­dis­zi­plin kom­men von ihrer Fach­ex­per­ti­se und inte­grie­ren Geo­in­for­ma­tio­nen als ergän­zen­de hilf­rei­che Infor­ma­tio­nen in ihre Pro­zes­se und Appli­ka­tio­nen. Begrün­det liegt die­ses in der fort­schrei­ten­den Stan­dar­di­sie­rung sowie Ver­ein­fa­chung im Zugriff und Nut­zung von Geo­in­for­ma­tio­nen. Mitt­ler­wei­le nut­zen 80 Pro­zent aller „Start up” in ihren Anwen­dun­gen und Lösun­gen bereits Geo­in­for­ma­tio­nen. Eine ver­gleich­ba­re Ver­än­de­rung fin­den wir auch bei den Nut­zern. „Otto­nor­mal­ver­brau­cher” sind die grö­ße­re Nut­zer­grup­pe mit 70 Pro­zent, die Grup­pe der Exper­ten fällt mit 20 bis 30 Pro­zent heu­te viel klei­ner aus.
Das Ange­bot und die Viel­falt an digi­ta­len Geo­da­ten und Platt­for­men mit Zugriff auf die­se ist rie­sen­groß und kaum noch zu über­bli­cken. Der Mehr­wert von Geo­in­for­ma­tio­nen ent­steht durch die Ver­knüp­fung ver­schie­dens­ter Geo­da­ten­quel­len mit wei­te­ren Daten. Den­ken Sie an

  • 3D Stadt­mo­del­le und 3D geo­lo­gi­sche Modelle
  • 4D Stadt­mo­del­le inklu­si­ve Zeit­rei­hen und Simulationen
  • hoch­auf­lö­sen­de Luft- und Satellitenbilder 
  • amt­li­che Bil­der in der Öffent­li­chen Verwaltung

Die geschätz­te Daten­men­ge für Deutsch­land liegt mitt­ler­wei­le bei mehr als 25 Peta­byte, mit stei­gen­der Ten­denz. Mobi­le Apps bie­ten mitt­ler­wei­le jeder­zeit und über­all bedarfs­ge­rech­te Geo­da­ten (von der rei­nen Kar­te bis hin zu kom­ple­xen 3D-Stadt­mo­del­len inklu­si­ve aug­men­ted rea­li­ty), die auch flei­ßig genutzt wer­den. Täg­lich wächst die „Gemein­de” der Anbie­ter, des Ange­bots, der Nut­zer­grup­pen und der Nut­zer. Die Geo­bran­che hat sich in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend „erneu­ert” und ist heu­te ein Enab­ler für die digi­ta­le Gesellschaft.

Im Moment digi­ta­li­siert sich unse­re Welt und alles ver­än­dert sich. Wel­che Rol­le spie­len Geo­in­for­ma­tio­nen spe­zi­ell im Zusam­men­hang mit der „Human Centric Inno­va­ti­on” – unse­rer Visi­on und wel­ches Poten­ti­al sehen Sie in Ihnen?

Geo­in­for­ma­tio­nen „wir­ken” zum einen hori­zon­tal: sie bie­ten ein brei­tes Feld an ver­schie­dens­ten Anwen­dungs­sze­na­ri­en. Zum ande­ren wir­ken sie auch ver­ti­kal: (Geo)Daten wer­den auf ver­schie­dens­ten Wegen erho­ben, fort­ge­führt, ana­ly­siert und zur Wei­ter­nut­zung bereit­ge­stellt. Das sind im ein­zel­nen sehr kom­ple­xe Teil­pro­zes­se. Damit wir­ken Geo­da­ten von der Ebe­ne „Mensch” bis hin zur Ebe­ne IT und deren Betrieb. Ich sehe Geo­in­for­ma­tio­nen als das Para­de­the­ma für die „Human Centric Inno­va­ti­on”, eben weil es alle Ebe­nen betrifft und in jeder Ebe­ne umfas­send wirkt.

Kön­nen Sie uns ein Bei­spiel eines mög­li­chen zukünf­ti­gen Ein­satz­sze­na­ri­os geben?

Mehr als eins. Gehen wir die ver­schie­de­nen Berei­che ein­mal durch, wobei die Ein­satz­sze­na­ri­en bereits heu­te bestehen:

  • Bereich Gesund­heit: Wo befin­det sich der Pati­ent, der sekünd­lich über die an ihm hef­ten­den Sen­so­ren Infor­ma­tio­nen über sei­nen Zustand an die Zen­tra­le lie­fert? Die­se kön­nen dort in Real­time und auto­ma­tisch aus­ge­wer­tet und stets mit Refe­renz­wer­ten ver­gli­chen wer­den. Soll­te also eine kri­ti­sche Situa­ti­on ein­tre­ten, wird ein Ret­tungs­dienst über die aktu­el­le räum­li­che Posi­ti­on des Pati­en­ten infor­miert. Das ist vor allem bedeu­tend bei Pati­en­ten mit gesund­heit­li­chen Ein­schrän­kun­gen, die jedoch nicht in der Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben aus­ge­schlos­sen sind.
  • Ver­kehrs­pla­nung: Durch die per­ma­nen­te Über­mitt­lung von Bewe­gungs­da­ten von ver­schie­de­nen Fahr­zeu­gen erhal­ten wir einen Input für die akti­ve Ver­kehrs­steue­rung mit Ampeln, Alter­na­tiv­stre­cken und Umlei­tun­gen. Gege­be­nen­falls könn­ten wir sogar Wet­ter­da­ten, die ja vor­han­den sind, inte­grie­ren und damit den Fah­rern wei­te­re Ent­schei­dungs­hil­fen geben.
  • Kata­stro­phen­schutz: Mit Geo­in­for­ma­tio­nen kön­nen wir diver­se Sen­sor­da­ten und dar­über hin­aus Satel­li­ten­auf­nah­men und Luft­bil­der nut­zen, um Ein­satz­kräf­te in ihrer Pla­nung und Tätig­keit aktiv zu unter­stüt­zen. Außer­dem erhal­ten wir durch Geo­in­for­ma­tio­nen immer einen aktu­el­len Über­blick über die Lage vor Ort. Als aktu­el­les Bei­spiel möch­te ich an die­ser Stel­le den „Not­fall-Rou­ten­pla­ner für Nepal” nen­nen – hoch­ak­tu­el­le Infor­ma­tio­nen aus dem aktu­el­len Zustand der Infra­struk­tur wer­den über das Inter­net bereitgestellt.
  • Ener­gie: Mit Hil­fe von Geo­in­for­ma­tio­nen kön­nen neue Strom­tras­sen geplant und Stand­or­te für poten­ti­el­le Wind­parks ana­ly­siert wer­den, natür­lich unter der Berück­sich­ti­gung der gesetz­li­chen Vorgaben.
  • Smart City: Ohne Geo­in­for­ma­tio­nen könn­ten wir kei­ne gesamt­heim­li­chen Ent­wick­lungs­kon­zep­te für (Mega)Städte ent­wi­ckeln. Die Pro­zes­se wären nicht nach­hal­tig effek­tiv und trans­pa­rent durchführbar.
  • Mar­ke­ting: Bezie­hen wir Geo­da­ten und wei­te­re Fach­da­ten mit Geo­be­zug in die Mar­ke­ting-Pro­zes­se mit ein, las­sen sich bestehen­de Infor­ma­tio­nen und ins­be­son­de­re neue Infor­ma­tio­nen für eine effi­zi­en­te und effek­ti­ve Wer­be– und Ver­kaufs­maß­nah­men opti­mal pla­nen, zum Bei­spiel durch die Nut­zung von Bewe­gungs­pro­fi­len ein­zel­ner Menschen.

Und es gibt noch so viel mehr.…Als wei­te­res Bei­spiel zum The­ma Sicher­heit: Ver­bre­chens­kar­tie­rung (crime map­ping). Ver­bre­chens­mus­ter wer­den hier ana­ly­siert und unter Ein­be­zie­hung ver­schie­dens­ter Daten­quel­len dar­ge­stellt. Somit kom­men wir schon zum The­ma für das nächs­te Mal – Big Data.…

Fort­set­zung folgt! Bis hier­her erst ein­mal vie­len Dank Herr Schö­ni­ger, wir freu­en uns auf den zwei­ten Teil des Gesprächs mit Ihnen.

Im nächs­ten Teil des Inter­views spre­chen wir mit Johan­nes Schö­ni­ger über Geo­in­for­ma­tio­nen und ihre Rol­le in der Zukunft, der „Human Centric Inno­va­ti­on”. Freu­en Sie sich auf eine span­nen­de Ver­knüp­fun­gen zwi­schen der Schlüs­sel­tech­no­lo­gie und den zukunfts­be­stim­men­den The­men wie Big Data, Inter­net of Things, Social Media, Digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät oder Cloud Computing.

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  • Bernhard
    2. Juli 2015

    Hallo Johannes, danke für den Hinweis. Das Interview ist sehr praxisnah und allgemeinverständlich auf den Punkt gebracht. Sehr schön. Gruß Bernhard

  • […] Unsere Reise in die faszinierende Welt der Geoinformationen geht weiter. Im zweiten Teil des Interviews erklärt uns Johannes Schöniger, Strategic Account Director Geoinformationen Deutschland, Fujitsu, wie unsere Vision, die „Human Centric Innovation“, mit Geoinformation in enger Verbindung steht. Was erwartet uns in einer hypervernetzten Welt, in der Geoinformationen vor allem im Team mit den Schlagwörtern der Zukunft ihr volles Potential entfalten? Wohin geht die Entwicklung, wie stärkt das Unternehmen Fujitsu den Bereich Geoinformationen und was steckt hinter dem Gespann „Big Data und Geoinformationen“? Unser Kollege findet auf diese spannenden Fragen ebenso spannende Antworten – unternehmen Sie mit uns und Johannes Schöniger eine Zeitreise in eine vollkommen neue Welt, in der ein Meer an Daten eben mehr ist. Den ersten Teil des Interviews mit Johannes Schöniger – „Geoinformationen als „Rohstoff der digitalen Gesellschaft“ –  finden sie hier! […]

  • […] zur Verfügung stand (unter anderem für ein spannendes Interview – Teil 1, Teil 2), freuen wir uns heute über seinen Beitrag zu einem wichtigen Thema: die Sicherheit […]

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