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Industrie 4.0: Chancen und Herausforderungen der modernen Revolution

Industrie 4.0: Chancen und Herausforderungen der modernen Revolution
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Wann haben Sie zuletzt über die Indus­trie 4.0 gespro­chen? Ob Mit­tel­ständ­ler oder Glo­bal Play­er – an die­sem Begriff kommt kein Unter­neh­men mehr vor­bei. Die Tech­no­lo­gien hin­ter der Bezeich­nung für den digi­ta­len Wan­del unse­rer Markt­wirt­schaft ent­wi­ckeln sich rasant zur grund­le­gen­den Säu­le erfolg­rei­cher Busi­ness­stra­te­gien. Im Inter­view mit Frank Zed­ler, Princi­pal Con­sul­tant bei Fuji­tsu, konn­ten Sie bereits eini­ges über grund­sätz­li­che Inhal­te und The­men der Indus­trie 4.0 erfah­ren. Was aber sind die kon­kre­ten Her­aus­for­de­run­gen und Chan­cen eines Umbruchs, der bereits heu­te als 4. indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on gilt? Andre­as Rohn­fel­der, Head of Indus­try 4.0 Com­pe­tence Cen­ter erklärt Ihnen in die­sem Inter­view die zen­trals­ten Auf­ga­ben für Unter­neh­men auf dem Weg in die digi­ta­le Zukunft.

 

Hallo Herr Rohnfelder, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Industrie 4.0 erfährt im Moment einen unglaublichen Aufschwung. Woher kommt Ihrer Meinung nach gerade jetzt der Boom?

Hier kom­men aus mei­ner Sicht meh­re­re Fak­to­ren zusam­men, die sich unter dem Begriff „Digi­tal Trans­for­ma­ti­on” abbil­den lassen.

Die Anzahl der glo­bal gespei­cher­ten Daten wird laut einer Stu­die von IDC auf einen Wert von 160 Zeta­byte im Jahr 2025 stei­gen. Das sind kaum vor­stell­ba­re 160 * 10 hoch 21 Bytes, die den Daten­berg der Welt ver­gli­chen mit dem Jahr 2015 um den Fak­tor 10 wach­sen las­sen. Das Inter­net of Things (IoT) ist dabei der wesent­li­che Trei­ber des welt­wei­ten Datenwachstums.

Industrie 4.0 - Internet of Things - Smart FactorySchon letz­tes Jahr hat laut einer PAC-Stu­die das The­ma Indus­tri­al IoT über die Hälf­te des IoT-bezo­ge­nen IT-Markts in West-Euro­pa aus­ge­macht. Gleich­zei­tig fin­det ein mas­si­ver Wech­sel von einer rei­nen Daten­samm­lung hin zu einer Opti­mie­rung oder kom­plet­ten Ände­rung der Busi­ness Model­le durch die­se Daten statt. Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang also nicht, ein Pro­dukt oder eine Kom­po­nen­te davon mit zum Bei­spiel einem RFID Chip aus­zu­stat­ten. Es geht um die die kom­plet­te Digi­ta­li­sie­rung des Her­stel­lungs­pro­zes­ses, um eine wei­test­ge­hend selbst­or­ga­ni­sie­ren­de Pro­duk­ti­on zu erhal­ten. Wie Dr. Rolf Wer­ner in der Pres­se­mit­tei­lung zur Fuji­tsu World Tour dar­leg­te: Lag vor Kur­zem noch der Fokus auf der Imple­men­tie­rung von Tech­no­lo­gie­lö­sun­gen, dis­ku­tie­ren wir inzwi­schen dar­über, gesam­te Geschäfts­be­rei­che zu ver­bin­den, umzu­stel­len oder einzubetten.

Was genau steckt eigentlich hinter dem Schlagwort Industrie 4.0?

Der Begriff ‚Indus­trie 4.0‘ exis­tiert seit der Han­no­ver Mes­se Indus­trie 2011. Nach den bis­he­ri­gen indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen stellt Indus­trie 4.0 die Erwei­te­rung der indus­tri­el­len Digi­ta­li­sie­rung auf IoT in der Pro­duk­ti­on dar.

  1. Mecha­ni­sie­rung durch Dampfkraft
  2. Mas­sen­fer­ti­gung durch Elek­tri­zi­tät & Fließbänder
  3. Auto­ma­ti­sie­rung durch Elek­tro­nik & IT
  4. Voll­stän­di­ge Digi­ta­li­sie­rung der Indus­trie durch IoT

Die tech­ni­sche Vor­aus­set­zung dafür sind intel­li­gen­te und digi­tal ver­netz­te Sys­te­me, mit deren Hil­fe eine wei­test­ge­hend selbst­or­ga­ni­sier­te Pro­duk­ti­on mög­lich wer­den soll: Men­schen, Maschi­nen, Anla­gen, Logis­tik und Pro­duk­te kom­mu­ni­zie­ren und koope­rie­ren in der Indus­trie 4.0 direkt miteinander.

Las­sen Sie es mich an drei Bei­spie­len zeigen:

  • Fle­xi­bi­li­tät:
    Unter­neh­men kön­nen Pro­duk­te nach indi­vi­du­el­len Kun­den­wün­schen her­stel­len. Der ent­schei­den­de Fak­tor hier­bei ist, dass eine sol­che Pro­duk­ti­on bis run­ter zur Los­grö­ße 1 zu ähn­li­chen Kos­ten wie eine übli­che Mas­sen­pro­duk­ti­on statt­fin­den kann. Und die­se Art der indi­vi­du­el­len Pro­duk­ti­on muss nahe beim Kun­den stattfinden.
  • Plan­bar­keit:
    Smart Ser­vices erhö­hen den Value Add eines Pro­duk­tes. Über Pre­dic­ti­ve Main­ten­an­ce Ansät­ze erkennt z.B. ein Her­stel­ler von Pum­pen, dass eine bestimm­te Pum­pe beim Kun­den in den nächs­ten 2 Wochen mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit aus­fal­len wird. Der Aus­tausch kann dann gezielt zu Zei­ten gerin­ger Pum­pen­tä­tig­keit erfolgen.
  • Zuver­läs­sig­keit:
    Eine wei­te­re Opti­on ist die Ver­la­ge­rung des Pro­dukt-Leis­tungs­ri­si­kos vom End­an­wen­der auf den Her­stel­ler: Garan­tier­te Zusa­gen über die Ein­hal­tung der Pump­ef­fek­ti­vi­tät wären dann mög­lich. Für den Her­stel­ler der Pum­pen wür­de sich dar­aus auch die mög­li­che Opti­on erge­ben, sein Busi­ness­mo­dell von einem Pro­dukt­an­bie­ter zu einem Ser­vice­an­bie­ter zu ändern.

Fuji­tsu ist Mit­glied der Platt­form Indus­trie 4.0, die im Dia­log mit Poli­tik, Wirt­schaft, Wis­sen­schaft, Gewerk­schaf­ten und Ver­bän­den ein ein­heit­li­ches Gesamt­ver­ständ­nis von der Indus­trie 4.0 ent­wi­ckelt, Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für einen erfolg­rei­chen Über­gang zur Indus­trie 4.0 erar­bei­tet und anhand von Anwen­dungs­bei­spie­len auf­zeigt, wie die Digi­ta­li­sie­rung der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on in Unter­neh­men erfolg­reich umge­setzt wird.

Mit welchem Ziel startete das Industry 4.0 Competence Center im Juni diesen Jahres? Spielt auch die „Antwort“ auf den Boom eine Rolle?

Das Ziel ist es, die digi­ta­len Trans­for­ma­ti­ons­pro­jek­te der CE- und euro­päi­schen Manu­fac­tu­ring Kun­den mas­siv zu stär­ken. (Anm. d. Red: CE = Cen­tral Euro­pe, umfasst Deutsch­land, Öster­reich und die Schweiz). CE ist dabei der füh­ren­de Indus­trie 4.0‑Markt in Euro­pa. Daher fokus­sie­ren wir uns im ers­ten Schritt dar­auf, ihn ana­ly­tisch zu betrach­ten, sind aber auch bereits in Pro­jek­ten außer­halb von CE invol­viert. Hier­zu sind im Indus­try 4.0 Com­pe­tence Cen­ter die Kom­pe­ten­zen im Bereich des indus­tri­el­len IoT gebündelt.

Wo liegen die Kernkompetenzen des neuen Centers?

Neben dem über­grei­fen­den Indus­trie 4.0 Con­sul­ting Ansatz fokus­sie­ren wir uns momen­tan auf 3 wesent­li­che Schwer­punk­te bzgl. Bera­tungs­an­ge­bo­ten und den pas­sen­den Lösungen.

  • Col­la­bo­ra­ti­ve Engineering
  • Edge Com­pu­ting & IoT
  • Indus­tri­al Analytics

Die Fuji­tsu Engi­nee­ring Cloud ™ ‑Archi­tek­tur und ‑Tech­no­lo­gie bil­den die Grund­la­ge für Col­la­bo­ra­ti­ve Engi­nee­ring mit hoher Daten­si­cher­heit und Kon­ti­nui­tät. Edge Com­pu­ting & IoT beinhal­ten unter ande­rem Asset Tracking & Tra­cing sowie Sup­ply Chain Trans­pa­ren­cy. Durch die Nut­zung von Indus­tri­al Ana­ly­tics ist es mög­lich, even­tu­el­le Feh­ler in Anla­gen und Maschi­nen früh­zei­tig zu erken­nen und zu verhindern.

In dem Zusam­men­hang wür­de ich ger­ne einen wei­te­ren Punkt anbrin­gen: Zwi­schen dem Com­pe­tence Cen­ter Indus­try 4.0 und dem Fuji­tsu Werk in Augs­burg gibt es eine enge Zusam­men­ar­beit, die wir wei­ter inten­si­vie­ren. Als Fuji­tsu spre­chen wir nicht nur über Indus­trie 4.0, wir sind selbst Manu­fac­tu­rer mit einem hoch­mo­der­nen Fabrikationsstandort.

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Das Werk Augs­burg ist einer der welt­weit moderns­ten Pro­duk­ti­ons­stand­or­te für Com­pu­ter und Speichersysteme.

Wie profitiert der Kunde vom Industry 4.0 Competency Center?

Der Wech­sel von Indus­trie 3.0 zu Indus­trie 4.0 ist kein Pro­zess, der in weni­gen Mona­ten umge­setzt ist. Mit all den Mög­lich­kei­ten, die eine Indus­trie 4.0 basier­te Pro­duk­ti­on bie­tet, bedeu­tet es auch, dass dies ein evo­lu­tio­nä­rer Weg ist. Neben ent­spre­chen­den Indus­trie 4.0 Con­sul­ting Leis­tun­gen fokus­siert sich das Kom­pe­tenz­cen­ter auf Schrit­te Rich­tung Indus­trie 4.0, die einen unmit­tel­ba­ren Return on Invest für den Kun­den bie­ten. Wesent­li­che Ansät­ze hier­bei sind Co-Crea­ti­on mit dem Kun­den und Pro­of of Concepts.

Vor kurzem veröffentlichte die CXP Group Company PAC eine brandaktuelle Studie im Bezug auf die deutsche Fertigungsindustrie. Lassen Sie uns kurz einen Moment darauf eingehen. Die Studie sagt aus, dass Digitalisierung eine wichtige Rolle spielt, aber klare Strategien gibt es auf weiten Feldern noch nicht. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Hindernisse?

Las­sen Sie mich zuerst ein paar Ergeb­nis­se aus der Stu­die nen­nen: Für 83% der Befrag­ten ist die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on für ihr zukünf­ti­ges Geschäfts­mo­dell von hoher Rele­vanz und steht daher bei 50% auf der Vor­stand­sagen­da. Gleich­zei­tig sagt nur cir­ca ein Drit­tel, dass die Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie fest­steht und es einen ent­spre­chen­den Fahr­plan gibt. In ande­ren Wor­ten: Man erkennt sehr klar die Rele­vanz aber die kon­kre­te Umset­zung ist noch nicht hin­rei­chend definiert.

Die größ­ten Hin­der­nis­se lie­gen in feh­len­den IT Res­sour­cen und Skills. Co-Crea­ti­on von Lösun­gen bie­tet hier her­vor­ra­gen­de Ansätze.

Warum stehen laut der Studie vor allem kleine und mittelständische Unternehmen im Bezug auf die digitale Transformation hinten an?

Laut der Stu­die haben grö­ße­re Unter­neh­men einen Erfah­rungs­vor­sprung, eine kla­re­re Stra­te­gie und das The­ma ist häu­fi­ger auf Vor­stands­ebe­ne ver­an­kert. Ich per­sön­lich wür­de es aber nicht so digi­tal sehen. Gera­de in Deutsch­land ist der Mit­tel­stands­markt ein wesent­li­cher Erfolgs­fak­tor. Zir­ka die Hälf­te der soge­nann­ten Hid­den Cham­pions welt­weit kommt aus Deutsch­land. Hid­den Cham­pions haben sich erfolg­reich auf ein Pro­dukt­seg­ment fokus­siert und sind dort unter den Top 3 welt­weit. Die­se Unter­neh­men sind oft­mals inha­ber­ge­führt und haben sich eine lang­an­hal­ten­de Markt­füh­rer­schaft erar­bei­tet. Aus den Gesprä­chen mit die­sen Fir­men wis­sen wir, dass das The­ma Digi­tal Trans­for­ma­ti­on dort ange­kom­men ist.

Industrie 4.0 - Digital Working

Was brauchen wir Ihrer Meinung nach, um den Weg in eine digitale Welt erfolgreich zu bestreiten?

Ein Unter­schied zwi­schen den ers­ten drei indus­tri­el­len Revo­lu­tio­nen und der Indus­trie 4.0 ist, dass bei ers­te­ren der Begriff Indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on im Nach­hin­ein fest­ge­legt wur­de. Bei Indus­trie 4.0 spre­chen wir qua­si vor­aus­schau­end von der 4. Indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on. Wir ste­hen am Anfang und befin­den uns doch bereits mit­ten in der nächs­ten revo­lu­tio­nä­ren Umwäl­zung im Umfeld Manu­fac­tu­ring. Für mich ist ein wesent­li­cher Punkt, dass die­ser Pro­zess eine Chan­ce für alle dar­stellt, die die­se Her­aus­for­de­rung posi­tiv annehmen.

Her­stel­ler von Pro­duk­ten haben die Mög­lich­keit durch Indus­tri­al IoT, Smart Ser­vices und Pre­dic­ti­ve Main­ten­an­ce, ihre Fer­ti­gung auf Los­grö­ße 1 zu ver­gleich­ba­ren Kos­ten einer klas­si­schen Mas­sen­pro­duk­ti­on zu erwei­tern oder neue Busi­ness-Model­le zu erschließen.

Wir möch­ten die Gele­gen­heit ergrei­fen, die­sen Weg gemein­sam mit den Her­stel­lern auf Basis einer frucht­ba­ren Co-crea­ti­on zu gehen.

Herr Rohnfelder – vielen Dank für dieses Interview!

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