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Die DDR, Spionage-Thriller & das Pride-Netzwerk: Interview mit Gerd Jooß

Gerd Jooß Portrait
Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Ver­gan­ge­nen Som­mer sind wir mit unse­rer Role­mo­del-Serie gestar­tet. Seit­dem haben wir schon eini­ge Frau­en zu ihrem ganz per­sön­li­chen Weg zu und bei Fuji­tsu befragt – und sie um einen Tipp gebe­ten, den sie allen Men­schen für ihren Kar­rie­re­weg mit­ge­ben möchten.

Wir freu­en uns sehr, heu­te den ers­ten Mann in die­ser Rei­he auf­zu­neh­men. Gerd Jooß ist Beauf­trag­ter für poli­ti­sche Ver­bin­dun­gen und Vor­sit­zen­der des Fuji­tsu Pri­de-Net­works in der Regi­on CEE (Cen­tral & Eas­tern Euro­pe). Wir haben mit ihm über sei­nen Wer­de­gang bei Fuji­tsu, den Außen­han­del mit der ehe­ma­li­gen DDR und das Fuji­tsu Pri­de-Netz­werk gespro­chen – und wie das alles zusammenhängt.

Der Anfang bei Siemens in Westberlin

Doris: Hal­lo Gerd. Dan­ke, dass Du Dir heu­te Zeit für unser Gespräch nimmst. Da Du CEE-Vor­sit­zen­der des Fuji­tsu Pri­de-Net­works bist und ich Diver­si­ty-Mana­ge­rin bei Fuji­tsu, haben wir ja öfter mit­ein­an­der zu tun. Ich fin­de es auch jedes Mal schön, von Dir zu hören!

Gerd: Hal­lo Doris! Ja, freut mich auch.

Doris: Wir haben schon bei frü­he­ren Gele­gen­hei­ten über Dei­ne beweg­te Ver­gan­gen­heit gespro­chen. Manch­mal klang das wie in einem Kal­ter-Krieg-Spio­na­ge­thril­ler und ziem­lich aben­teu­er­lich… Magst Du unse­ren Leser*innen da auch ein biss­chen was ver­ra­ten und etwas über Dei­nen Wer­de­gang erzählen?

Gerd: Na klar. Lass uns im Jahr 1983 begin­nen. Damals ver­such­te ich, legal in West­ber­lin zu blei­ben, um der Wehr­pflicht zu ent­ge­hen. Hät­te ich an einem ande­ren Ort der BRD gewohnt, hät­te ich zur Bun­des­wehr gemusst. Zu der Zeit such­ten die Kar­stadt-Häu­ser in Ber­lin jeman­den, der ihre Com­pu­ter­cen­ter auf­baut und lei­tet. Da ich in dem Unter­neh­men, in dem ich gelernt hat­te, in der IT-Abtei­lung war, habe ich mich dort bewor­ben – und wur­de genommen.

Bei Kar­stadt war ich dann im Ver­kauf und wur­de kon­ti­nu­ier­lich zu Com­pu­tern, IT-Fra­gen usw. geschult. Ich hat­te recht hohe Umsät­ze, weil ich wohl von den Kund*innen als glaub­wür­di­ger Ansprech­part­ner wahr­ge­nom­men wur­de. Das ging so bis 1986. Zu dem Zeit­punkt war ich auf­grund einer bestan­de­nen Auf­nah­me­prü­fung für Füh­rungs­kräf­te sogar für den IT-Ein­kauf in der Zen­tra­le in Essen vor­ge­se­hen. Dazu kam es aller­dings nicht mehr, da ich im Novem­ber 1986 im Direkt­ver­trieb „PC-Bereich” bei der Sie­mens AG ein­ge­stie­gen bin – der Anfang mei­ner IT-Kar­rie­re und damit die Basis für mei­ne heu­ti­ge Position.

Doris: Du bist also durch den gesam­ten Wan­del hin­weg, von Sie­mens über Fuji­tsu Sie­mens bis hin zur Fuji­tsu Tech­no­lo­gy Solu­ti­ons im Unter­neh­men geblie­ben – und damit schon über drei­ßig Jah­re dabei? Wow!

Gerd: Ja, rich­tig. 34 Jah­re, um genau zu sein.

Außenhandel mit der DDR: wie aus einem Spionage-Thriller

Doris: Und wie ging es dann weiter?

Gerd: Bei der Sie­mens AG wur­de es im Ver­gleich zu mei­nem vor­he­ri­gen Job tech­ni­scher und „grö­ßer”. So ein MS-DOS-Rech­ner mit zwei Dis­ket­ten-Lauf­wer­ken kos­te­te damals um die 15.000 DM, das Gerät hat­te 640 kB Arbeits­spei­cher. Mei­ne Kund*innen waren vor­wie­gend Hand­wer­ker oder auch Anwalts­kanz­lei­en – denen muss­te man erst ein­mal erklä­ren, wozu eine solch gro­ße Inves­ti­ti­on sinn­voll ist. Ein Rech­ner war damals eine gro­ße Anschaf­fung, ver­gleich­bar mit dem Auto­kauf heute.

1987 habe ich mich für den Außen­han­del mit der DDR gemel­det, weil ich fand, dass da eine gro­ße Indus­trie­na­ti­on vor unse­rer Haus­tür lag, die kei­ner auf dem Schirm hat­te. Die­ses Gebiet habe ich bis zum Tag der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung betreut. So lan­ge war die DDR mein Ver­triebs­ge­biet für MS-DOS basier­te Rechner.

Doris: Aus die­ser Zeit hast Du mir ja bereits eini­ge Geschich­ten erzählt. Die klan­gen teil­wei­se wie direkt aus einem Spionage-Thriller…

Gerd: Naja, das war teils schon aben­teu­er­lich. Es gab die soge­nann­te Ko-Komm-Lis­te. Das heißt, es bedurf­te einer Geneh­mi­gung vom Bun­des­amt für Wirt­schaft und Aus­fuhr­kon­trol­le und dem US Depart­ment of Com­mer­ce für einen Export in die DDR. Es gab eine tech­ni­sche Ober­gren­ze und wenn man die Ober­gren­ze über­schritt, wur­den die Anträ­ge abge­lehnt. Die DDR hat­te aber ein gro­ßes Inter­es­se an Tech­no­lo­gie ober­halb die­ser Leis­tungs­gren­ze, um den Anschluss an den Wes­ten nicht zu ver­pas­sen. Sie ver­such­ten immer, das Maxi­mum aus­zu­schöp­fen und ggf. auch Bestim­mun­gen aus­zu­höh­len, um noch mehr zu bekommen.

Damals lag die Gren­ze bei 8‑Me­ga-Hertz-Rech­nern. Die DDR woll­te jedoch 12-Mega-Hertz, mehr Arbeits­spei­cher und bes­se­re Gra­fik­kar­ten. Dar­an waren auch die Staats­si­cher­heit und der Poli­zei­ap­pa­rat inter­es­siert und such­ten ganz gezielt nach Erpres­sungs­mög­lich­kei­ten. Sie arbei­te­ten ger­ne nach dem Prin­zip Zucker­brot und Peit­sche und set­zen das vor allem ab 1988 immer stär­ker ein, weil die Anfor­de­run­gen der Betrie­be in der DDR stie­gen und die 8‑Me­ga-Hertz-Rech­ner ein­fach zu wenig Leis­tung hat­ten. Bei mir fan­den sie schnell eine Angriffs­flä­che: mei­ne damals noch ver­steck­te Vor­lie­be für attrak­ti­ve Män­ner. Das führ­te zu sehr unschö­nen Situationen.

Als 1989 die DDR immer insta­bi­ler wur­de, nah­men die Erpres­sungs­ver­su­che und Repres­sa­li­en zu. Das ging dann so weit, dass man mich zum Ver­hör ein­be­stell­te oder am Grenz­über­gang fest­hielt und mir ein paar ein­deu­ti­ge Bil­der vor­leg­te. Die DDR-Beam­ten frag­ten mich, was mein Beruf damit zu tun hät­te und was denn die Sie­mens AG davon hal­ten wür­de. Sie könn­ten sich aber auch vor­stel­len, dass ein jun­ger Mann wie ich auch Wün­sche hät­te, wie z. B. ein schö­nes Auto. Es wur­de also in bei­de Rich­tun­gen pro­biert, Zucker­brot und Peit­sche eben…

Auch wenn die­ses Vor­ge­hen der DDR-Behör­den kei­nen Erfolg hat­te, wei­te­ten sie es auf eine geschick­te Art und Wei­se so aus, dass ich mir am Ende nicht ein­mal mehr sicher sein konn­te, ob nicht viel­leicht auch „Fal­len” in mei­nem Tages­ge­schäft in West­ber­lin lauerten.

Nach der Wende: Infineon und Quimonda

Doris: Wie ging es nach dem Ende der DDR weiter?

Gerd: Erst ein­mal waren die soge­nann­ten „neu­en Bun­des­län­der” wei­ter­hin mein Bereich – aber eben bei mei­nem „neu­en” Arbeit­ge­ber, der Sie­mens-Nix­dorf AG. Die ehe­ma­li­gen Kund*innen, die sich nun teil­wei­se selbst­stän­dig mach­ten, brach­ten mir noch immer ein gro­ßes Ver­trau­en ent­ge­gen. Dass sie mich kann­ten, brach­te da wirk­lich einen Vor­teil gegen­über Wettbewerbern.

In Dres­den ent­stand damals eine neue Chip-Infra­struk­tur vom Sie­mens-Bereich „Halb­lei­ter” – die Sie­mens Mikro­elek­tro­nik, die wir heu­te unter dem Namen Infi­ne­on ken­nen. Ich beglei­te­te zu die­ser Zeit – vom ers­ten Bau­con­tai­ner bis zur Aus­glie­de­rung von Qui­mon­da – die Kun­den Infi­ne­on und Qui­mon­da. Die­se Ver­bin­dung reich­te bis ins Jahr 2011 – eine unheim­lich lan­ge und ver­trau­ens­vol­le Kun­den­be­zie­hung. Und das war auch tat­säch­lich der ers­te Kun­de, bei dem ich zum Bei­spiel auf die Fra­ge, was ich denn so am Wochen­en­de gemacht habe, offen ant­wor­te­te: „Ich war mit mei­nem Freund unter­wegs”. Und es wur­de abso­lut respekt­voll auf­ge­nom­men. Es wur­den sogar unbe­kann­ter­wei­se „Grü­ße” aus­ge­rich­tet. Da dach­te ich mir: Don­ner­wet­ter Gerd, das war ein­fach. Wenn ich das frü­her gewusst hät­te, wäre ich damit schon eher offe­ner umgegangen.

Keine Angriffsfläche mehr bieten

So kam es dann auch, dass ich 1994 eine Regen­bo­gen­fah­ne auf mein neu­es Auto geklebt habe. Damit fuhr ich am nächs­ten Tag auf den Park­platz der Sie­mens AG und mach­te damit für mich und ande­re sicht­bar, dass es die­se Angriffs­flä­che für Erpres­sungs­ver­su­che ab jetzt nicht mehr gab. Es gab da näm­lich in mei­ner Abtei­lung durch­aus immer wie­der Ver­su­che, mich bei der Geschäfts­lei­tung oder dem Abtei­lungs­lei­ter in ein schlech­tes Licht zu rücken. Außer­dem kamen auch komi­sche Sprü­che und doo­fe „Wit­ze” – sie waren da, die stän­di­gen Gemein­hei­ten. Das gip­fel­te in dem Ver­such mir etwas „anzu­hän­gen”: Eine Kol­le­gin behaup­te­te, ich hät­te sie sexu­ell beläs­tigt. Dar­auf­hin muss­te ich beim Haupt­ab­tei­lungs­lei­ter erschei­nen, der aber sehr sou­ve­rän reagier­te, weil er ja wuss­te, dass ich schwul bin.

Gerd Jooß
Gerd Jooß beim 5. Deutsch-Japa­ni­schen Wirt­schafts­dia­log in Berlin.

1994 war ich dann auch das letz­te Mal mit so einer Situa­ti­on kon­fron­tiert. Mit dem beruf­li­chen Erfolg kam auch eine gewis­se Selbst­si­cher­heit. Ich hat­te auf Incen­ti­ve-Rei­sen vor­her immer eine gute Freun­din mit­ge­nom­men. Dass es mei­ne Part­ne­rin war, hat­te mir eh nie­mand abge­nom­men – aber ich dach­te irgend­wie immer, sie wür­den es tun. Man macht sich da ger­ne selbst etwas vor und ich war wirk­lich gut dar­in. Bis ich irgend­wann fest­stell­te, dass es total unnö­tig war. Das wur­de mir aber erst klar, als ein Kol­le­ge mal sag­te: „Nimm doch das nächs­te Mal, ein­fach Dei­nen Freund mit. Wir ken­nen jetzt Dei­ne zau­ber­haf­ten Freun­din­nen, aber wir wür­den wirk­lich ger­ne mal Dei­nen Freund ken­nen­ler­nen – wenn Du einen hast. Mei­ne dama­li­gen Chefs haben die­se kla­re Aus­sa­ge auch noch unter­mau­ert. „Wir freu­en uns. Das ist gut so. Und wenn es jeman­dem nicht passt, dann lass es uns wissen.”

Doris: Hast Du das auch getan?

Gerd: Ja, habe ich. Beim nächs­ten Mal war mein Freund dabei – und der Effekt war phä­no­me­nal. Für die meis­ten hat­te es noch immer einen Anschein von etwas Exo­ti­schem. Aber es gab auch vie­le Reak­tio­nen à la „ich kenn ja auch so einen”. Am Gala-Abend saßen über­all Männ­lein mit Weib­lein am Tisch und wir als gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner waren ein­fach etwas Beson­de­res. Das war ein­fach nicht selbstverständlich.

Rückendeckung durch die Führungskraft

Doris: Ich fin­de es cool, dass Du das tat­säch­lich gemacht hast, eben weil es nicht so selbst­ver­ständ­lich war. Und von Dei­nem Chef war es auch toll, dass er Dir Rücken­de­ckung gege­ben hat. Zudem sich die­se nicht nur auf „wir haben kein Pro­blem damit” beschränk­te, son­dern auch die Ver­si­che­rung, dass Du zu ihm kom­men kannst, wenn jemand eines hat. So stellt man sich eine gute Füh­rungs­kraft vor, oder?

Gerd: Ja, defi­ni­tiv. Ende der 90er waren da alle recht klar und die Mes­sa­ge war ein­deu­tig: „Es wird Dich kei­ner dis­kri­mi­nie­ren” und „Du hast nichts zu befürch­ten”. Es wäre aber sonst auch irgend­wie albern gewe­sen. Ich nahm zu der Zeit aktiv am Ber­li­ner Chris­to­pher Street Day teil und habe dort immer grö­ße­re Fahr­zeu­ge orga­ni­siert, zum Schluss war es ein 3‑achsiger LKW. Und die­se Teil­nah­me war auch dezi­diert poli­tisch. Bei der Para­de konn­ten mich dann ja auch Kolleg*innen sehen, wie ich mit einem Trans­pa­rent Gleich­stel­lung for­der­te. Da wäre es komisch gewe­sen, wenn die­se zur Para­de und zum Fei­ern gekom­men wären – aber mit mei­ner Ein­stel­lung ein Pro­blem gehabt hät­ten. Zum Chris­to­pher Street Day geht man nicht nur wegen der Par­ty. Da geht es auch um ein Anliegen.

Damals gab es auch die ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaft noch nicht – von der ich neben­bei nie ein gro­ßer Fan war, weil das nichts Hal­bes und nichts Gan­zes ist. Ich fand immer, dass es da eine kom­plet­te Gleich­stel­lung geben muss.

Ich wur­de mit dem Gan­zen dann offen­si­ver, vor allem aber als Pri­vat­per­son. Zwar gab es kei­ne direk­te Dis­kri­mi­nie­rung mehr, aber das offe­ne Ein­tre­ten für sol­che The­men sei­tens des Unter­neh­mens gab es damals eben auch noch nicht. Dass Unter­neh­men dazu nach außen tre­ten und Stel­lung bezie­hen, ist doch eher eine Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re. Für mich war das aber schon damals sehr wich­tig und es war mir völ­lig unver­ständ­lich, dass mein Bekannt­heits­grad nicht genutzt wur­de, um die Fir­ma bei die­sem The­ma auch zu platzieren.

Pride und die Community

Doris: Was bedeu­tet für Dich Pride?

Gerd: Pri­de umfasst für mich alles an Viel­falt, was die Com­mu­ni­ty aus­macht, ins­be­son­de­re Tole­ranz. Aller­dings muss ich zuge­ben: Auch die Com­mu­ni­ty hat hier manch­mal noch Ent­wick­lungs­be­darf. Ins­ge­samt scheint es dort schon mehr Tole­ranz zu geben als in der hete­ro­se­xu­el­len Welt, aber ganz oft muss ich auch fest­stel­len, dass die glei­chen Kli­schees gel­ten. Nur um das The­ma Trans­gen­der zu nen­nen – da rol­len lei­der immer noch vie­le die Augen, weil sie nicht ver­ste­hen, was das für die­se Men­schen bedeu­tet. Ich habe das auch lan­ge nicht ver­stan­den. Aber wenn man sich damit beschäf­tigt, kann man es auch ver­ste­hen. Da gehört aber eine gewis­se Offen­heit dazu und ein Wil­le, sich damit auseinanderzusetzen.

Doris: Ich glau­be, da sprichst Du etwas ganz Wich­ti­ges an: Man muss sich damit beschäf­ti­gen. Erst unvor­ein­ge­nom­men zuhö­ren und dann den Men­schen empa­thisch begeg­nen. Das ist viel­leicht ein The­ma, wel­ches nicht aus mei­nem direk­ten Erfah­rungs­kreis stammt – aber die­se Aus­sa­ge gilt ja gene­rell. Was war kar­rie­re­mä­ßig der nächs­te Schritt?

Außenhandel mit China und erstes Netzwerken für das Unternehmen

Gerd: Ich wur­de gefragt, ob ich mir vor­stel­len könn­te, eine Fabrik in Chi­na IT-tech­nisch mit auf­zu­bau­en und ich habe ein­fach mal „Ja” gesagt. Ich hat­te so etwas zwar noch nie gemacht, aber Außen­han­del ist Außen­han­del, oder? Und ehr­lich gesagt: mei­ne Erfah­run­gen mit einem repres­si­ven Regie­rungs­ap­pa­rat soll­ten mir auch hel­fen. Mit mei­nen Erfah­run­gen aus Nan­jing konn­te ich auch ande­re Wer­ke von Sie­mens mit IT-Tech­nik unter­stüt­zen und habe das reich­lich getan.

2009 muss­te ich die­ses Enga­ge­ment lei­der ein­stel­len. Den Expat-Ver­trag, mit dem ich für drei Jah­re nach Shang­hai gehen soll­te, habe ich nicht mehr unter­schrie­ben. Bis dahin war ich alle drei Mona­te für 10–14 Tage vor Ort. Aber die Wirt­schafts­kri­se und die Erkran­kung mei­ner Mut­ter haben mich zu dem Zeit­punkt an Deutsch­land gebun­den. Nach 2009 habe ich mich wie­der auf das Geschäft mit Infi­ne­on und Sie­mens kon­zen­triert und neben­bei Infra­struk­tur­pro­jek­te betreut – Kli­ma­tech­nik und Brand­mel­de­an­la­gen waren auch dabei, auch wenn es eigent­lich nicht zu mei­nem Port­fo­lio gehörte.

Ab den Nul­ler-Jah­ren habe ich auch für mei­nen Arbeit­ge­ber das gemacht, was ich pri­vat schon lan­ge tat: Ich habe immer ger­ne Netz­wer­ke gepflegt bzw. erwei­tert, bin auf poli­ti­schen Ver­an­stal­tun­gen gewe­sen und bei den ver­schie­dens­ten Ver­bän­den. 2016 woll­te zum Bei­spiel ein Mana­ger von Fuji­tsu den CEO einer gro­ßen Ver­si­che­rung ken­nen­ler­nen und nie­mand konn­te den Kon­takt her­stel­len. Irgend­wie kam das über Umwe­ge bei mir an, und da ich die­sen CEO kann­te, habe ich einen Ter­min ver­ein­ba­ren kön­nen. Da stand dann die Fra­ge im Raum, woher die Ver­bin­dung kam – und ob es tat­säch­lich so etwas wie ein „rosa Netz­werk” gibt. Ich war ehr­lich und habe gesagt: ja, das gibt es und es ist ziem­lich stark. Der Mana­ger hat­te danach Inter­es­se an wei­te­ren Geschäfts­kon­tak­ten und so kam es, dass ich 2017 mit der Auf­ga­be betraut wur­de, poli­ti­sche Ver­bin­dun­gen und Kon­tak­te in die Ver­bän­de her­zu­stel­len und zu pfle­gen. Und das mache ich heu­te noch.

Netzwerken heißt in erster Linie: etwas geben

Doris: Das fin­de ich ein schö­nes Bei­spiel dafür, wie die Poten­zia­le, die Mitarbeiter*innen mit­brin­gen, auch tat­säch­lich im Unter­neh­men genutzt wer­den!

Gerd: Ja, abso­lut! Ein von mir höchst geschätz­ter Kol­le­ge hat die­sen Stein ins Rol­len gebracht. Aber es gab auch Wider­stän­de und eini­ge mehr als unschö­ne Ver­su­che, mich in die­ser Auf­ga­be zu ver­hin­dern. Teil­wei­se wur­de da erneut ver­sucht, das The­ma „gay” anzu­spre­chen und mich zu dis­kre­di­tie­ren, was aber sofort dank eini­ger groß­ar­ti­ger Men­schen im Top­ma­nage­ment abge­schmet­tert wurde.

Ich lie­be es, Men­schen zusam­men­zu­brin­gen. Ein Netz­werk funk­tio­niert nur, solang man es pflegt! Vie­le miss­ver­ste­hen das und den­ken, das funk­tio­niert nach dem Prin­zip „Ich gebe Dir und Du gibst mir”. So ist das aber nicht. Es läuft eher nach dem Prin­zip: Du gibst etwas rein und von einer kom­plett ande­ren Stel­le kommt etwas zu Dir zurück. Oder wenn Du dar­um bit­test. Eines mei­ner Haupt­merk­ma­le ist es, empa­thisch auf ande­re zuzu­ge­hen. So kam bei­spiels­wei­se auch die Zusam­men­ar­beit mit den Glo­bal Digi­tal Women (GDW) zustan­de und die Unter­stüt­zung des Digi­tal Fema­le Lea­der Award im letz­ten und in die­sem Jahr.

Manch­mal kommt jemand mit der Fra­ge „Was bringt mir das?”. Da kann ich nur den Kopf schüt­teln, denn da hat jemand das Kon­zept nicht ver­stan­den. So ein­fach ist das nicht zu beant­wor­ten. Heu­te und auf den ers­ten Blick viel­leicht bringt es nichts – mor­gen und auf den zwei­ten Blick sieht das aber viel­leicht schon wie­der anders aus. Netz­wer­ken heißt in ers­ter Linie: etwas geben. Empa­thisch auf­ein­an­der zuge­hen heißt immer gewin­nen. Davon bin ich überzeugt.

Doris: Da sprichst Du etwas an, was mir sehr am Her­zen liegt. Vie­le mei­nen, beim Netz­wer­ken geht es dar­um, was sie davon haben. Dass es auch dar­um geht, Men­schen zusam­men­zu­brin­gen, Gele­gen­hei­ten für ande­re zu sehen und sie dann dar­auf auf­merk­sam zu machen, Infor­ma­tio­nen zu tei­len, ein­an­der vor­an zu brin­gen und so wei­ter – das sehen vie­le nicht.

Gerd: Klar, manch­mal dau­ert es auch lan­ge, aber es bringt so viel. Und oft ist der Erfolg des Netz­wer­kens auch nicht wirk­lich direkt messbar.

Schlussworte

Doris: Gibt es etwas, das Du zum Schluss ande­ren noch mit­ge­ben willst?

Gerd: Geht offen mit Eurer Iden­ti­tät um – die ande­ren wis­sen es eh! Spielt kein Ver­steck, Ihr spart Ener­gie und könnt Euch auf Wich­ti­ge­res fokus­sie­ren. Das setzt so unglaub­lich viel Poten­ti­al und Krea­ti­vi­tät frei. Sti­che­lei­en machen für die Ande­ren nur Sinn, so lan­ge ihr Euch ver­steckt – danach wird es so etwas von uninteressant.

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