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Geteilte Führungsposition: „Wir ergänzen uns super, weil wir total unterschiedlich sind“

Geteilte Führungsposition: „Wir ergänzen uns super, weil wir total unterschiedlich sind“
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

In den letz­ten Wochen hat­ten wir im Rah­men einer klei­nen Inter­view-Serie bereits Gele­gen­heit, mit Dr. Chris­ti­na Eleft­he­ria­dou und Dr. Nico­le Günz­ing über ihre Kar­rie­re­we­ge bei Fuji­tsu zu spre­chen. Sie haben uns span­nen­de Ein­bli­cke in ihren Arbeits­all­tag gege­ben und Tipps für Nach­wuchs-Füh­rungs­kräf­te verraten.

Im drit­ten Teil der Serie haben wir heu­te gleich zwei Inter­view­part­ne­rin­nen auf ein­mal: Cor­ne­lia Küh­ling (links im Bild), Head of Opti­miz­a­ti­on & Sup­port Ser­vice Cen­tral Euro­pe, und Geor­gia Wes­sing (rechts), Head of Opti­miz­a­ti­on & Sup­port Ser­vice Cen­tral Euro­pe und Head of Plat­form Solu­ti­on Archi­tects – App­li­ca­ti­on Ser­vices. Die bei­den Frau­en arbei­ten im Tan­dem – sie tei­len sich seit mehr als einem Jahr erfolg­reich eine Füh­rungs­po­si­ti­on. Im Inter­view spre­chen sie dar­über, wie es zu die­ser Kon­stel­la­ti­on gekom­men ist, wel­che Vor­tei­le sie in dem Kon­zept sehen – und war­um Frau­en und IT her­vor­ra­gend zusammenpassen.

Hallo Georgia, hallo Cornelia – schön, dass wir heute sprechen. Wie waren die letzten Wochen und Monate für Euch?

Geor­gia: Lang­sam wird es wie­der bes­ser. Mei­ne Kin­der sind ja schon etwas älter (12 und 14) und waren in den letz­ten Wochen dank Home­schoo­ling gut ver­sorgt. Die Zeit davor war aber hart. Der Jün­ge­re bekam mit der Zeit einen Lager­kol­ler, er ver­miss­te sei­ne Freun­de sehr. Man­che Leh­rer sind toll mit der ver­än­der­ten Situa­ti­on umge­gan­gen, ande­re haben sich nicht sehr ange­strengt und da sank die Moti­va­ti­on dann lei­der doch schnell. Gera­de sind Feri­en bei uns in NRW, doch bald geht es wie­der los – so wie es aus­sieht mit dem nor­ma­len Betrieb.

Cor­ne­lia: Ich bin gera­de ein­fach nur heil­froh über unser Job-Sharing. Ich tei­le mir ja mit Geo eine Füh­rungs­auf­ga­be. Und ganz ehr­lich, eine bes­se­re Zeit als jetzt gibt es dafür gar nicht. Mit den Kin­dern, mei­ne sind ja erst zwei und vier, könn­te ich mei­ne Auf­ga­ben nicht stem­men, wenn ich in der Füh­rungs­auf­ga­be allei­ne wäre. Mein Mann arbei­tet nicht von zuhau­se aus, zu Beginn des Lock­downs hat­te ich die bei­den also den gan­zen Tag allei­ne zu ver­sor­gen. Ich habe ver­sucht, so gut es geht die Rand­zei­ten zu nut­zen, also mor­gens und abends oder wenn der Klei­ne mal schlief. Ein­mal in der Woche, an unse­rem Tan­dem-Über­lap­pungs­tag, blieb mein Mann dann zuhau­se, um mir den Rücken frei zu hal­ten. Aber hät­te ich nicht gewusst, dass Geo da ist, wäre der Stress­le­vel deut­lich höher gewe­sen. Mitt­ler­wei­le hat sich die Situa­ti­on etwas ent­spannt, die Kita hat wie­der geöff­net und die Groß­el­tern hel­fen auch mit.

Nach­dem wir das Arbei­ten im Tan­dem jetzt ja auch schon seit mehr als einem Jahr machen, sind wir da ein­fach ein ein­ge­spiel­tes Team. Mir hilft das gera­de jetzt sehr. Und ich fin­de das Kon­zept echt gut. Man hat immer eine abge­si­cher­te Mei­nung, zu zweit ist es ein­fa­cher, Lösun­gen zu fin­den und wir ergän­zen uns super, weil wir total unter­schied­lich sind.

Was macht Euch denn so unterschiedlich? Erzählt doch mal ein bisschen von Euch.

Geor­gia: Ich bin seit vie­len Jah­ren bei Fuji­tsu. Aber viel­leicht fang ich frü­her an: Mei­ne Fami­lie ist zu DDR-Zei­ten in den Wes­ten geflüch­tet. Nach dem Real­schul­ab­schluss bin ich auf ein Wirt­schafts­gym­na­si­um gegan­gen und habe dort mein Abitur gemacht. Durch mei­nen Schwa­ger und Freun­de kam ich damals erst­mals mit Com­pu­tern in Berüh­rung und fand sie span­nend. Außer­dem war ich experimentierfreudig.

Da ich aus einer Fami­lie mit 5 Kin­dern kom­me war klar, dass für die wei­te­re Aus­bil­dung nur etwas in Fra­ge käme, bei dem ich mein eige­nes Geld ver­die­nen kann. Ich habe mich bei der heu­ti­gen Fuji­tsu TDS für ein dua­les Stu­di­um der Wirt­schafts­in­for­ma­tik bewor­ben – und hat­te das irre Glück, einen der begehr­ten Plät­ze zu ergat­tern. Damals kamen auf drei aus­ge­schrie­be­ne Stel­len über 100 Bewer­bun­gen! Da ich immer ger­ne zur Schu­le gegan­gen bin, war das ver­schul­te Stu­di­um für mich ide­al. Dabei habe ich schnell gemerkt, dass mir die Infor­ma­tik genau­so liegt wie wirt­schaft­li­chen The­men. In den Pra­xis­pha­sen konn­te ich in unter­schied­li­che Unter­neh­mens­be­rei­che rein­schnup­pern. Ich woll­te lie­ber sel­ber tüf­teln und habe mich daher nach dem Stu­di­um für den damals noch klei­nen und neu­en Cli­ent / Ser­ver Bereich ent­schie­den. Nach und nach wuchs der Bereich und ich habe mehr und mehr Pro­jekt­ar­beit über­nom­men. Im Lau­fe der Zeit kam auch kon­ti­nu­ier­lich mehr The­men­ver­ant­wor­tung dazu.

Durch die Kin­der habe ich dann zwi­schen­durch jeweils ein Jahr pau­siert und bin in 50 % wie­der ein­ge­stie­gen. Da hab ich gespürt, wie schnell­le­big die IT ist und wie schnell man den tech­ni­schen Anschluss ver­liert. Dadurch wur­den mei­ne Auf­ga­ben nach und nach orga­ni­sa­to­ri­scher, lösungs­ori­en­tier­ter und irgend­wie brei­ter. Unge­fähr zu der Zeit kam auch mein dama­li­ger Bereichs­lei­ter auf mich zu und eröff­ne­te mir, dass ich für My Future [Anmer­kung der Redak­ti­on: eines der Talent­pro­gram­me bei Fuji­tsu] nomi­niert wur­de. Das Pro­gramm war sehr gut und hat mir wirk­lich gehol­fen, das The­ma Füh­rung für mich zu reflek­tie­ren. Lei­der gab es erst ein­mal lan­ge kei­ne Mög­lich­keit, eine Füh­rungs­auf­ga­be zu über­neh­men, weil es damals aus dem Home­of­fice her­aus ein­fach nicht vor­stell­bar war. Also habe ich Pro­jekt­ver­ant­wor­tung sowohl für inter­ne als auch exter­ne Pro­jek­te auf unter­schied­li­chen Leveln übernommen.

Irgend­wann bekam ich dann doch die Chan­ce zu zei­gen, dass Füh­rung auch aus dem Home­of­fice her­aus funk­tio­niert und habe mit 30 Wochen­stun­den Arbeits­zeit ein Team über­nom­men und gezeigt, dass das geht. Man­che Din­ge brau­chen wohl ein­fach ihre Zeit. Das Tan­dem kam schließ­lich durch eine Orga­ni­sa­ti­ons­än­de­rung zustan­de, durch die ich eines mei­ner bei­den Teams abge­ben muss­te. Da ich noch freie Kapa­zi­tä­ten hat­te, ent­stand die Idee mit dem Tan­dem in einem neu­en zwei­ten Team. Wie bereits erwähnt, ergän­zen wir uns im Tan­dem wirk­lich gut. Con­ny deckt eher das inter­na­tio­na­le, glo­ba­le und die Mar­ke­ting­sei­te ab, ich bin tie­fer in der Tech­nik. Ich ken­ne die Pro­zes­se und Abläu­fe in der Fuji­tsu TDS sehr gut und Con­ny ist ein­fach im Kon­zern „groß­ge­wor­den”.

Cornelia, wie war das bei dir?

Cor­ne­lia: Ich stam­me aus einer Beam­ten­fa­mi­lie, vor mir hat­te kei­ner stu­diert. Aber irgend­wie hat sich das für mich so erge­ben und so war ich plötz­lich die ers­te Aka­de­mi­ke­rin in der Fami­lie. Dass es BWL gewor­den ist, lag wohl eher an mei­ner eige­nen Unsi­cher­heit. Archi­tek­tur hät­te mich gereizt, aber ich habe mir das schlicht nicht zuge­traut. Dass man an sei­nen Auf­ga­ben wächst, wuss­te ich damals noch nicht. Das habe ich erst spä­ter rausgefunden.

Wäh­rend des Stu­di­ums habe ich ein Prak­ti­kum bei Fuji­tsu Sie­mens Com­pu­ters gemacht, obwohl ich kei­ne Ahnung von Tech­nik hat­te. Nenn es Ein­ge­bung: Am Abend vor dem Bewer­bungs­ge­spräch ließ ich mir von mei­nem dama­li­gen Freund, der übri­gens heu­te mein Mann ist, noch schnell erklä­ren, wie die Anschlüs­se am PC hei­ßen. Und genau das kam am nächs­ten Tag im Bewer­bungs­ge­spräch vor. Mein Wis­sen hat wohl beein­druckt und ich hat­te den Prak­ti­kums­platz. Aus der Prak­ti­kums­stel­le wur­de im Anschluss ans Stu­di­um eine Anstel­lung im Pro­dukt­ma­nage­ment und es wur­de immer tech­ni­scher. Aber die­se Schnitt­stel­le war für mich ide­al. Ange­fan­gen habe ich im Con­su­mer-Umfeld, spä­ter waren es Busi­ness Clients.

Und dann kam die gro­ße Chan­ce: Ich durf­te an unse­ren Stand­ort in Sun­ny­va­le, USA, gehen, um dort zu unter­stüt­zen. Das war wirk­lich eine groß­ar­ti­ge Erfah­rung. Und ein ech­ter Push für die Kar­rie­re. Zurück aus den Staa­ten über­nahm ich erst eine Sup­port-Funk­ti­on in der Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on, bald danach eine Füh­rungs­auf­ga­be und schließ­lich eine Bereichsleitung.

Irgend­wann kam die Geburt mei­nes ers­ten Kin­des. Nach zwei Mona­ten war ich wie­der aus der Eltern­zeit zurück – eine ech­te Her­aus­for­de­rung. Bald dar­auf kam mein Sohn und obwohl ich den Stress nicht wie­der so woll­te, war ich mir auch ganz klar dar­über, dass ich das, was ich mir erar­bei­tet hat­te, nicht ein­fach so auf­ge­ben woll­te. Ich woll­te zurück in eine Füh­rungs­auf­ga­be, aber eben mit etwas redu­zier­ter Stun­den­zahl für den Ein­stieg. Dar­aus sind dann 20 Stun­den und die Füh­rung in Teil­zeit gewor­den. Dank viel Unter­stüt­zung auch sei­tens mei­ner Füh­rungs­kraft und der Per­so­nal­ab­tei­lung eben im Tan­dem mit Geo.

Ich habe bei mei­ner bis­he­ri­gen Kar­rie­re ohne­hin viel Glück und tol­le Chefs gehabt, die mich voll unter­stüt­zen. Zu Anfang bin ich eher von mei­nen Chefs „wei­ter­ge­schubst” wor­den, die nächs­ten Schrit­te zu wagen. Es hat schon ein biss­chen gedau­ert, aber jetzt weiß ich ganz gut sel­ber, was ich will und ver­fol­ge mei­ne Zie­le. Ich wür­de sagen, dass ich mich auch durch die Unter­stüt­zung der Fir­ma von einer unsi­che­ren jun­gen Frau hin zu einer Per­son ent­wi­ckelt habe, die genau weiß, was sie will und das auch artikuliert.

Wow, das klingt doch toll. Aber gab es auch mal die Momente, in denen ihr dachtet: Vielleicht geht Frauen und IT doch nicht so gut zusammen?

Geor­gia: Komi­sche Erfah­run­gen in dem Sin­ne gab es eigent­lich nie. Der eine oder ande­re im Bekann­ten­kreis hat mit mei­ner Wahl des Arbeits­um­fel­des ein biss­chen geha­dert. Da kamen Kom­men­ta­re wie „War­um gehst Du in die IT, da sind doch nur Män­ner?”. Ich fand die IT aber nun mal span­nend und woll­te außer­dem ger­ne einen siche­ren, zukunfts­ori­en­tier­ten Arbeits­platz, der mir ein gutes finan­zi­el­les Aus­kom­men beschert. Und den hab ich hier.

Klar pas­siert es, dass Du ins Team­mee­ting kommst und da sit­zen 10 Män­ner am Tisch. Wenn du als Frau in den Raum kommst, hast Du da natür­lich auto­ma­tisch eine beson­de­re Wir­kung. Ein­mal hat ein Kol­le­ge zu mir gesagt: „Ich bin immer froh, wenn du den Raum betrittst – dann steigt das Niveau.” Das zeigt irgend­wie auch, dass sich durch die Anwe­sen­heit einer Frau für die Män­ner etwas zum Posi­ti­ven ändert. Das ist doch klas­se. In Berei­chen wie dem Pro­jekt­ma­nage­ment ist die Anzahl an Bewer­bun­gen von Frau­en mitt­ler­wei­le sehr gut. Sobald es um Kom­pe­tenz­stel­len geht, kom­men auch mehr Bewer­bun­gen von Frau­en. Heu­te braucht es vor allem Men­schen die gute Team­play­er sind und die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kom­pe­tenz mit­brin­gen. Und mit die­sen Kom­pe­ten­zen ist jeder will­kom­men, unab­hän­gig vom Geschlecht.

Cor­ne­lia: Wie gesagt, ich hat­te zu jeder Zeit tol­le Chefs, die mich sehr unter­stützt haben. Und obwohl ich im PC-Pro­dukt­ma­nage­ment damals die ein­zi­ge Frau war, habe ich mich nicht komisch oder außen vor gefühlt. Ich sehe das auch nicht als bran­chen­spe­zi­fi­sches The­ma, son­dern eher als ein gesamt­ge­sell­schaft­li­ches. Klar müs­sen wir auch im Unter­neh­men dar­an arbei­ten, um lang­fris­tig an Ste­reo­ty­pen etwas zu ändern und tra­dier­te Struk­tu­ren zu hin­ter­fra­gen. Und das war mir per­sön­lich schon immer ein Anliegen.

Für das The­ma Gen­der-Diver­si­ty set­ze ich mich intern schon seit Jah­ren ein. Aber wie Geo vor­hin schon sag­te: Frü­her ging Füh­rungs­kraft im Home­of­fice nicht, nach Coro­na will ich sehen, wer das noch behaup­tet. Füh­ren in Teil­zeit ist oft noch ein The­ma – aber war­um eigent­lich? Unser Tan­dem zeigt, dass es geht und einen deut­li­chen Mehr­wert für alle bringt. Und übri­gens nicht nur für Frau­en! Geteil­te Füh­rung ermög­licht es auch Män­nern, ihren pri­va­ten und geschäft­li­chen Ver­pflich­tun­gen bes­ser nach­zu­kom­men. Das Schlimms­te, was uns pas­sie­ren könn­te, wäre, wenn Coro­na uns in alte tra­dier­te Gesell­schafts­struk­tu­ren zurückwirft.

Ich glau­be, es braucht ein­fach immer wie­der den Mut, etwas anders zu machen. Und dann auch die Grö­ße um fest­zu­stel­len, dass viel­leicht doch nicht alles frü­her bes­ser war und sich man­che Sachen ändern kön­nen und viel­leicht müs­sen. Und natür­lich die Ein­sicht, dass am Ende alle davon profitieren.

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, schönes Schlusswort Cornelia! Vielen Dank Euch beiden für das Gespräch.

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